3. Arlberg-Giro, St. Anton am Arlberg (Bericht und Bilder)

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hanseat
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3. Arlberg-Giro, St. Anton am Arlberg (Bericht und Bilder)

Beitragvon hanseat » 06.08.2013, 18:47

3. Arlberg-Giro oder das erste Alpenrennen unseres Lebens

Was war das ein Radsporterlebnis-Wochenende! Ich möchte Euch hier gern schildern, was passierte:

Prolog

Im Frühjahr war klar: Jackys peruanische Mutter kommt im Sommer zu Besuch und wird helfen die Drillinge drei Monate lang zu bespaßen. Nennt es Egoismus, aber schnell kam in mir ziemlich der Wunsch hoch, dies auch für mich persönlich als leidenschaftlicher Steigungssammler nutzen zu können. Wer weiß, wann es sich wieder anbietet, dass ich Jacky und die drei für ein paar Tage allein lassen kann. Also kurz bei der Chefin das OK abgeholt, suchte ich im Internet nach passenden Herausforderungen. Eins war klar. Aufgrund meiner doch wegen Familienverpflichtungen kürzeren Trainings- und RTF-Ausfahrten (max. 135 km bei Alpe d'Seevetal, meist zwischen 50 und 80 km) traute ich mich an die ganz großen Alpen-Radmarathons mit mehr als 200 km und 3.000 HM nicht ran. Ich wollte ja schließlich auch mit einem guten Gefühl finishen und meine Runde in den Alpen auch trotz Strapazen noch genießen können.

Ich erinnerte mich an den Arlberg-Giro, von dem ich bereits gelesen hatte. Mit 148 km und ca. 2.500 HM eine anstrengende, aber auch machbare Alpen-Aufgabe. Der Startort St. Anton am Arlberg ist mit dem Auto gut über die A7 in Deutschland und die A14 in Österreich erreichbar (knapp 900 km Anreise bei ca. 9 Stunden Fahrzeit).

Noch dazu führt die Strecke über die Silvretta, eine wunderschöne Panoramastraße, die neben dem Großglockner zu den schönsten und anspruchsvollsten Passstraßen Österreichs gehört. Schließlich geht es bis auf 2.036 Metern Höhe hinauf. Der Arlbergpass ist aufgrund seiner steilen Rampen ebenso eine echte alpine Herausforderung.

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Da die Veranstaltung erst zum dritten Mal stattfindet und in den beiden Vorjahren noch deutlich unter 1.000 Teilnehmern zu verzeichnen hatte, sich aber gern vergrößern möchte, sah ich gutes Potential für eine Anfrage nach HFS-Reporter-Tickets. Kraton77 und ich hatten unsere erste richtige Bergtour gemeinsam im September 2010 bei der Vosgienne (160 km / 3.400 HM) überstanden. Es wäre also endlich Zeit für eine Fortsetzung dieser wunderbaren Erfahrung. Helmut nahm die Idee sofort auf und erkundigte sich beim Tourisverband St. Anton, der Ausrichter des Arberg-Giros ist und siehe da, zwei Reporter-Tickets konnten uns direkt versprochen werden. Noch dazu schickte man uns eine Liste mit preisgünstigen Unterkünften.

Kraton77 konnte ob seiner weiteren Alpenmarathon-Verpflichtungen nicht direkt zusagen. Aber über das Strava.com-Portal hatte ich Marco und Gerrit kennen lernen dürfen, die als begeisterte Bergfahrer absolut ins Anforderungsprofil fielen. Die Zusage von beiden kam dann auch ziemlich schnell. Also würden wir zu dritt uns ein Teilnehmerticket von 55 Euro teilen. Ein super Kompromiss.

Marco ist auch schon einige Male in den Alpen und auf Mallorca gefahren. Er kennt sich also sehr gut mit längeren Anstiegen aus und sagte sofort zu. Gerrit war in den Vorjahren noch nie zum Radfahren in den Bergen, selbst nicht im Harz. Immerhin ist er dieses Frühjahr das erste Mal auf Malle gewesen und wurde dort direkt vom “Bergauf-Virus” infiziert. Die nicht überanspruchsvolle Streckentopographie kam ihm bei seiner Hochgebirgspremiere sicherlich ebenso entgegen wie mir. Gerrit ließ sich nach wenigen Tagen Bedenkzeit ebenso zum Alpenwochenende hinreißen.

Auch kraton77 stieg wenig später doch noch ins Boot und so konnten wir ein immerhin vier Mann starkes “Helmuts-Fahrrad-Seiten-Team” beim Arlberg-Giro an den Start bringen. Leider erreichten wir damit nicht die geforderte Teilnehmerzahl von sechs für die Mannschaftswertung. Wir versuchten zwar weiterhin Radsprtfreunde zu überreden, aber es blieb am Ende bei uns vieren.

Im April stand also fest, der Saisonhöhepunkt wird der Arlberg-Giro sein. Bei Strava.com bekomme ich persönlich unheimlich viel Motivation mich an Steigungssegmenten mit Gleichgesinnten zu messen, ähnlich geht es auch Gerrit und Marco. So richteten wir unsere Trainingsausfahrten meist getrennt voneinander sehr höhenmeterlastig aus. Gerrit beispielsweise fuhr neben fünf Nordcup-Radmarathons 16 mal am Stück den Waseberg hinauf und während seines Andalusienurlaubs erkletterte er mal so eben den höchsten asphaltierten Punkt Europas, den Pico de Veleta. Marco ließ sich neben dem Nortorf-Marathon auch noch zur Mallorca-Challenge hinreißen, ich sammelte einige Mal 1.000 HM am Stück an den Anstiegen in den Harburger Bergen bei meist unter 100 km Streckenlänge.

Anfang Juni fuhren wir dann gemeinsam eine echte Berg-Generalprobe im Westharz. 115 km und 2.300 HM über zehn Anstiege zwischen Schalke und Sternplatz. Ich war an den letzten zwei Anstiegen platt und musste Gerrit ziehen lassen. Ich hatte nicht das Stehvermögen für derart lange Beanspruchungen. Als ich nach Hause kam, stieg ich in die Wanne und wusste, dass ich meine Form bis August noch steigern musste. Gerrit und Marco fuhren danach noch zweimal über-150 km-Touren im Harz (Adler-RTF und Brockentour). Für mich war dies aufgrund familiärer Verpflichtungen nicht möglich. Bei der RTF Seevetal erreichte ich immerhin eine Streckenlänge von 135 km. Bevor es also in die Alpen ging, hatte ich in diesem Jahr für mich stolze 3.300 km und ca. 25.000 HM in den Beinen. Marco, Gerrit und Stephan hatten etwa knapp das doppelte auf der Uhr.

Fr., 02.08.: Anfahrt und Einrollrunde

Die Aufregung war groß. Der kleine Männerurlaub konnte starten. Die letzten Wetterprognosen für Sonntag verunsicherten uns ein wenig. Gewitter mit Unwetterpotential sollten Sonntag für rutschige Straßen sorgen. Wir hofften auf Besserung. Die Abfahrt erfolgte bereits um 4.30 Uhr, aber so kamen wir flüssig und mit reparierter Klimaanlage durch die Hitze von +35 Grad. Nach knapp 8,5 Stunden erreichten wir bereits den Arlbergpass und genoßen die imposante Bergkulisse um uns herum mit 3000ern der Verwallgruppe und Lechtaler Alpen. Die Auffahrt vom Hochrheintal aus wird Sonntag unsere Abfahrt sein, die Abfahrt hinunter nach St. Anton dagegen für die erste Bergselektion sorgen. Wir prägten uns Gallerien und besonders steile Streckenstücke ein. Eigentlich war alles steil.

In der Pension angelangt, erwartete uns bereits die Chefin mit den Schlüsseln. Wir bezogen das Dreibettzimmer und wussten, wir hatten alles richtig gemacht. Vom Balkon ein toller Blick auf St. Anton und die Bergflanken.

Da es doch ziemlich heiß war und der Verkehr am Arlbergpass ziemlich dicht, entschieden wir uns für eine Einrollrunde nach Pians hinunter und dann quasi auf dem 20 km langen Schlußanstieg des Sonntags hinauf zurück nach St. Anton. Streckenkenntnis kann helfen, gerade wenn man beim Giro am Sonntag auf den letzten Kilometern aus dem letzten Loch pfeifen sollte.

Es führt eine Schnellstraße durchs Tal und mehr oder weniger parallel dazu eine Entlastungsstraße durch die urigen Ortschaften, die dann auch am Sonntag im Rennen von uns befahren werden wird. Es ging also zügig bis Pians bergab, dann drehten wir in der Talsohle und machten uns auf den Rückweg, der sich als sehr unrhythmisch und windanfällig erwies. Auf gut 20 km müssen immerhin nochmal 400 Steigungsmeter hinauf nach St. Anton in 1.300 Meter Höhe bewältigt werden. Unsere Gegner waren hierbei die Hitze, die bei über 32 Grad lag und das Berg-Tal-Windsystem. Aber bei 45 km Streckenlänge und am Ende 550 HM hatten wir sicher einen ersten kleiner Alpenvorgeschmack.

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Abends gingen wir ins Dorf zum Essen. Eigentlich war nicht viel los, aber eine Junggesellenabschiedsgruppe von etwa "15 Antonias aus Tirol" versuchten uns naive Flachländer von Ihren Reizen zu überzeugen. Das Ergebnis waren ein paar selbstgebraute Kräuterschnäpschen und ein paar Disco-Fox-Tanzschritte in der Fußgängerzone. Danach fiel ich völlig platt ins Bett, während Marco und Gerrit sich gegen 11 Uhr aus dem Zimmer schlichen, um sich auf den Weg zur Bikerparty zu machen, der Party schlechthin, wie von den Junggesellinnen beschrieben. Ob es Kalkül war, mich liegen zu lassen oder nicht, müssen sie selbst beschreiben. Auf jeden Fall stiegen so meine Chancen im Vergleich mit ihnen beim Sportevent gut abzuschneiden, schließlich erreichten die beiden angeheitert erst kurz vor 3 Uhr wieder das Pensionszimmer.

Sa., 03.08. Verwallsee und Gewitter

Um 9 Uhr morgens hatte ich knapp zehn Stunden Schlaf hinter mir und meine beiden Mitstreiter schauten nach deutlich weniger ziemlich verkatert aus der Bettwäsche. So ging ich erstmal allein zum Frühstück. Parallel zu uns hatte eine Motorradgruppe in der Pension gebucht und sollte am Sonntag die Strecke absichern. Ich musste mich konzentrieren, um ihren Dialekt verstehen zu können. Sie machten ein paar Witze über mich, während ich immer höflich mit einem Lächeln zurücknickte.

Meine Jungs kamen nur sehr langsam in die Gänge, also fuhr ich schon mal eine kleine Runde durch den Ort. Immer wenn man ein paar Sträßchen quer zum Talschnitt fand, ging es mit 15-20 % aufwärts. Nach 8 km und 190 HM hielt ich meine Einrollrunde für ausreichend und wartete auf die beiden Partylöwen.

Um mich ein wenig zu rächen, weil sie mich nicht mitnahmen, fuhr ich genau diese kleine Runde mit Gerrit und Marco nochmals und vernahm von hinten so manch lautes Gestöne. Danach ging es die alte Arlbergstraße mit 9 % auf einem Kilometer durch St. Anton hinauf, an der Gerrit fast abgestiegen wäre. Der kleine Abstecher hoch zum Krazy Kangoroo (der höchstgelegenen Apres-Ski-Bar St. Antons) musste sein. Schließlich erreichten wir beim Mooserkreuz das kleine Mautsträßchen zum Verwallsee. Ab hier ging es nur noch leicht bergauf und wir waren – wie sagt man so schön - eins mit der Natur. Das schmale Asphaltband zog sich durch den Wald und über Weiden und kreuzte das ein oder andere Mal die Schlucht des Flusses Rosanna.

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Hinter dem Gasthaus Ferwall zog das Sträßchen ein wenig an und schließlich öffnete sich der Fichtenwald und der smaragdgrüne Verwallsee erschien rechterhand von uns. Ein Traum. Wir fuhren die Straße noch bis an ihr Ende zur Salzhütte hinauf, ab dort sind nur noch MTBler und Wanderer unterwegs. Beneidenswert. Hier ließen wir uns für eine halbe Stunde ins Gras fallen. Auf dem Rückweg musste eine Rast am Verwallsee ein, Gerrit beeindruckte durch seine Ausdauer, seine Füße minutenlang in den eiskalten See zu tauchen. Überall wuchsen lecker-süße Heidelbeeren. So genossen wir bei Waldfrüchten und Plätschern im Wasser die Ruhe und das fantastische Panorama.

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Über uns entdeckten wir die Galerien des Arlbergpasses. Morgen früh werden wir dort Schmerzen in den Beinen spüren. Hochprozentiges war es wohl auch, das Marco und Gerrit heute schon abzuarbeiten hatten. Aber spätestens hier waren ihre Lebensgeister wieder erweckt.

Mittags waren wir schon von unserer 30 km-Runde (500 HM) zurück und holten im Well-com die Startunterlagen ab. Dort trafen wir auf Stephan mit Sohnemann und Frau. Wir verabredeten uns zum Abendessen mit Blick auf das Profi-Kriterium im Ort.

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Das schicke Finishertrikot bekam man quasi schon vor dem Rennen, wenn das mal kein schlechtes Omen ist. Noch dazu erhielten wir jeweils neben einigen Klimbim einen Gutschein für ein Pastaessen in einem Restaurant in der Fußgängerzone unserer Wahl und einen Eintrittsgutschein für die Wellness-Oase von St. Anton. Beide waren einzulösen am Samstag oder Sonntag.

Den Pastagutschein wollten wir erst Sonntag einlösen, so dass wir uns an der Kriteriumsstrecke am Abend zwar auch Pasta gönnten, aber noch selbst dafür bezahlten. Leider war die Portion nicht gerade üppig, dafür das Geflirte von der Kellnerin umso mehr.

Nachdem wir die kleine Portion weggehustet hatten und auch die Profis das zweite Halbfinale absolviert hatten, setzte ein wahrlich heftiges Gewitter ein, welches im Nu die belebte Strecke der Fußgängerzone in eine leere Geisterstadt verwandelte. Bei Sturm und Starkregen liefen wir zurück zur Pension. Die armen Profis mussten derweil ihr Finale ohne Zuschauer bestreiten, aber sie sind halt Profis.

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Wir dagegen sind Hobbyisten und fahren gern im Trockenen! So hofften wir inständig, dass sich die durch Hitze aufgestaute Energie nun schnell entladen würde und die Strecke bis morgen abgetrocknet sei. Gerade aufgrund der geringen Erfahrungswerte bei Gerrit und mir in nassen Abfahrten fiel uns das Einschlafen schwer, weil draußen immer noch Unwetter herrschte und zusätzlich Sirenen ertönten.

So., 4.08. Arlberg-Giro

Der auf 5:20 Uhr gestellte Wecker musste gar nicht erst klingeln. Die Aufregung war riesengroß, ich träumte unterschiedlichste Rennszenarien, meist verbunden mit Regen und Kälte in 2.000 Meter Höhe. Um 5:15, als wir aufstanden war es noch sehr dunkel und ich ahnte, dass es draußen nass und wolkenverhangen sein wird. Doch dann traten wir auf dem Balkon und sahen einen wunderbar blauen Himmel ohne Wolken. In dieser Frühe ist es in einem engen Tal noch sehr schattig. Die Straßen sind auch schon abgetrocknet, so war die Freude riesengroß. Zumindest den Arlbergpass sollten wir sicher trocken bestreiten können.

Beim Frühstück wünschten uns die Streckenposten noch viel Glück, das gaben wir gern zurück. Da es heute morgen aufgrund des Gewitters der letzten Nacht nicht mehr so warm war wie die Tag zuvor, fuhr ich hinter der Pension nochmal eine kleine Anhöhe hinauf, um meinen Motor auf Touren zu bekommen, dann ging es zum Start. Gerrit wartete im C-Block auf die Startfreigabe, während Stephan, Marco und ich aus dem B-Block starteten. Wir stellten uns dabei ganz hinten auf. Der steile Arlbergpass, der direkt auf den Start folgt, wird sowieso eine leistungsorientierte Selektion herbeiführen.

Um 7 Uhr startete der Profiblock per Pistolenschuss, dann fünf Minuten später waren wir dran. Die ersten zwei Kiometer raus aus dem Zentrum trödelte ich gemeinsam mit Stephan hinter dem Block fahrend noch vor mich hin. Auf Strava.com hatte ich mir zwei entscheidende Ziele gesetzt: den Arlbergpass wollte ich unter 30 Minuten und die Silvretta unter 60 Minuten erklimmen. Priorität hatte für mich jedoch die Silvretta, bei der ich gern all meine 100 % geben wollte. Immerhin führt der Arlberg-Giro an dieser Steigung auch eine getrennte King-Of-Mountain-Wertung.
Am Arlbergpass selbst wollte ich nur einen guten Rhythmus finden und flüssig hinauf kurbeln, soweit mir das mit 39-27 möglich ist.

Das Körpergefühl war einfach gut und so verabschiedete ich mich auch nach dem Kreisel, der den Start in den Arlberpass markierte von meinem Mitstreiter Stephan. Ich kurbelte aufwärts und arbeitete mich durch das B-Block-Feld. Als ich auf Marco traf, rief der mir zu: “Du wolltest am Arlberg doch ruhig machen”. Ich erwiderte: “Ich kann nicht anders, bei über 10 % Steigung muss ich sehen, dass ich die Kurbel rumgedreht bekomme.”

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Auf den drei Kilometern zwischen Mooserkreuz und dem Tunnel kurz vor St. Christoph ist der Pass im Schnitt steiler als 10 %. Man hat hier einfach die Kehren vergessen, es geht nur in weiten Bögen meist geradeaus. Und es gab ja quasi kein Warmfahren. Aus dem Kaltstart heraus von 0 auf 100 sozusagen. Ich orientierte mich bei diesem Pass an meinem Puls. Dieser lag während des Anstiegs tatsächlich sehr konstant bei 172-177 bpm, also tatsächlich fand ich einen Rhythmus ohne zu überziehen, denn wollte ich noch genug Kraft für die Silvretta haben. Im Tunnel flachte die Auffahrt ab und hier konnte man auf über 30 km/h beschleunigen, um dann abschließend in St. Christoph auf 1.803 Metern nochmals eine kleine Rampe zu überwinden. Positiv überrascht nahm ich zur Kenntnis, dass ich die Auffahrt in knapp unter 30 Minuten geschafft hatte. Goal erreicht.

Nun folgte die Abfahrt. Rasend schnell ging es anfangs noch oft geradeaus durch die Mattenvegetation an der Gabelung zum Flexenpass vorbei Richtung Klostertal. Es folgte dann eine Passage mit sehr steilen Serpentinen, die hinunter nach Stuben führte. Hier war Konzentration gefragt. Die Bergpracht war sensationell. Leider war ich zu schnell unterwegs, um ans Foto knipsen zu denken. Ab Stuben ging es dann meist gerade und nicht mehr ganz so steil bergab, meist sausten schnellere Fahrer an mir vorbei. Ab und zu kamen noch ein paar steilere Abschnitte in Tunnelpassagen, aber diese waren stets gut zu durchfahren. Nur einmal erschrak ich, als ein Mitstreiter neben mir bei Tempo 70 versuchte sein schlackerndes Hochprofil-Vorderrad abzufangen. Puh, welch unangenehmes Gefühl.

Ab Klösterle nahm das Gefälle auf 2-3 % ab und es bildete sich zunehmends eine Gruppe, bei der ich versuchte dran zu bleiben. Es schloßen stets mehr Fahrer von hinten auf. Ab hier bemerkte ich auch zum ersten Mal zunehmenden Autoverkehr. Der Arlbergpass selbst schien bei der Auffahrt und bei der gefährlichen Serpentinenpassage hinunter nach Stuben komplett für uns freigehalten worden zu sein. Das machte den Renn-Eindruck noch positiver.

In Höhe Bludenz verließen wir das mittlerweile sonnendurchflutete, weil Ost-West-gerichtete Tal und fuhren ins das enge Montafon hinein, dass sich scheinbar noch im schattigen Morgenschlaf befand. Allerdings wurde das Verkehrsaufkommen im unteren Tal etwas stärker. Wir passierten auch zweimal Bahngleise und auch zwei Ampeln. Aber ich persönlich hatte mit dem Timing immer Glück und musste nicht anhalten. Die Streckenposten, die ich von der Pension wiedererkannte, begrüßte ich lauthals mit einem “Hallo, mein Freund”, sie grüßten ebenso zurück.

Nun folgte ein ziemlich langes ebenes Stück, welches nur durch einen kleinen Anstieg bei Sankt Gallenkirch unterbrochen wird. Das mittlerweile etwa 50 Mann große Peloton zerriss sich aber an dieser vergleichsweise kleinen Welle in kleinere Grüppchen. In Gaschurn ließ ich die Verpflegung rechts liegen und so war ich für eins, zwei Kilometer allein unterwegs. Ich wartete hier auf eine größere Gruppe. Im Kopf hatte ich schon den Anstieg hinauf zur Silvretta, die auch Bieler Höhe genannt wird, die nur noch wenige Kilometer entfernt auf uns wartete. Also keine Energie umsonst verfahren.

In Partenen bemerkte man den prompten Talschluss, hier konnte es auf ebener Strecke nicht mehr weiterführen, sondern nur noch bergauf. Dies wurde bereits bei der Ortsumfahrung durch die sich verstärkenden Steigungsprozente signalisiert. Es folgte die angekündigte Mautstation und nun hieß es: Alles geben, denn es startete die offizielle Auffahrt. Körpergefühl war trotz der bereits mehr als 70 km absolvierten Strecke sehr gut. Also drückte ich ordentlich los, versuchte aber nicht gleich zu überpacen, weil schließlich mehr als 13 km nach oben führten. Nach einer ersten Kehrenkombination schaut man beeindruckt in die grüne Wand gen Himmel und sieht die vielen Kehren über sich und die farbigen Punkte, die versuchen, sich aufwärts zu bewegen. Ein toller Anblick. Aber bei Steigungsprozenten mal wieder über 10 % bekomme ich es nicht hin, mein Handy für entsprechende Fotos herauszuholen. Ich versuche es einmal, aber allein beim Aktivieren des Fotomodus scheitere ich und verliere bei dieser Situation den Kontakt zu meinen temporären Partner Markus aus Sonthofen, mit dem ich zusammen den gleichen Rhythmus über die ersten 10 Serpentinen fand. Zwischendurch passiere und grüße ich einen Fahrer mit einem HHLA-Trikot, den ich frage, ob er tatsächlich aus Hamburg kommt. Ja, so war es und ich wünsche ihm weiterhin gutes Durchkommen.

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Die Kehren sind durchnummeriert. 30 Serpentinen sind es bis nach ganz oben. Man freut sich in der 12 % steilen Rampe auf jede Einzelne Kehre, weil sie hier tatsächlich im Scheitelpunkt abflacht und wenn man von außen nach innen hinein schwenkt, kann man sogar ein bißchen Schwung mitnehmen, ehe die nächste Steigung auf der Geraden wieder natürlich verlangsamt. Von der Mautstation bis zum ersten Stausee, dem Vermuntsee beträgt die durchschnittliche Steigung 8,4 % bei 620 Meter Vertkaldistanz. Gerade die letzten Rampen hinauf zur Staumauer in ca. 1.750 Meter Höhe sind schweißtreibend. Hier erreiche ich dann auch einen Puls von immerhin 183 bpm.

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Am wunderbaren Vermuntsee mit imposanter Bergkulisse im Hintergund geht es dann für etwa einen Kilometer eben dahin. Aber zum Ausruhen lass ich mich nicht verleiten. Ich lege mich mit meinen Unterarmen auf den Lenker und erreiche in Aerohaltung über 37 km/h. Dann folgt abrupt in weiteren Kehren eine Geländestufe von etwa 200 Höhenmetern, die wegen des Rhythmuswechsels jedem wirklich richtig weh tut. Immerhin befinden wir uns nun schon knapp unter 2.000 Metern ü. NN, aber die Temperaturen sind keineswegs runter gegangen. Immer noch ist es heiß. In einer erneuten ebenen Überführung sieht man endlich das Ende vor sich, wenn es nicht von wild herum laufenden Pferden verdeckt sein würde. Ich muss einen irritiert herum laufenden Hengst kurz anbrüllen, damit er mich nicht aus Versehen vom Rad schubst.

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Eine letzte Rampe von nochmals über 10% und weiteren 60 Höhenmetern stellt den Schlußpunkt der Auffahrt zur Bieler Höhe da. Nach der kleinen Unterhaltung mit dem Pferd japse ich nun noch mit Puls 187, während ein paar Zuschauer uns die letzten Höhenmeter hinaufjubelten. Innerlich freue ich mich schon, denn ich hatte während dieses Passes alles gegeben und stoppte meine Auffahrtszeit ab Mautstation mit 57:44 Minuten, ich hatte also mein Primärziel erreicht! In der Endabrechnung bei der Arlbrg-Giro-Bergwertung bedeutete dies Platz 280 von über 1.000 das Ziel erreichten Teilnehmern. Ein passables Ergebnis für einen Flachländer. An der Verpflegung wurde ich mit einem gewaltigen Bergpanorama über den Silvreattasee und natürlich mit leckeren Orangenvierteln, Bananen, Energieriegeln, -gels, -getränken und Cola belohnt.

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Ich belließ meine Pause bei höchstens zwei Minuten, weil ich nach vielen Überholvorgängen spürte, dass ich jetzt ja generell ganz gut liegen müsste. Es folgt nun eine knapp 50 km lange Abfahrt bis Pians und dann nochmals 20 km leicht aufwärts. Die Höchstschwierigkeiten waren nun auf der Bieler Höhe bereits geschafft. Also hatte ich erstmal genug Zeit, um auf der Abfahrt wieder die Energietanks aufzufüllen.

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Die wenigen Kehren auf der Ostseite der Silvretta sind ziemlich steil und etwas heikel. Aber nach wenigen Kilometern geht es bei durchschnittlich 3 % und langen Geraden ziemlich einfach bergab. Hier wurde ich auch bald von einer Gruppe aufgelesen, an der ich mich dann bis Pians fest biss. Vom angekündigten Gewitter war tatsächlich nichts zu sehen. Es war ein tolles Radfahrwetter, vielleicht ein bißchen warm. So zog ich mir bei der Abfahrt die Armlinge aus und nahm mein Buff, das ich am Hals trug ab. Die letzten 400 Höhenmeter hinauf nach St. Anton werden heiß. Aber ich war zuversichtlich trotz der bereits absolvierten Distanz. Immerhin kannte ich den Schlussanstieg schon.

Die Verpflegung in Pians ließ ich rechts liegen und schon war die Gruppe im ersten kleinen Anstieg von knapp 100 Höhenmetern bei ca. 4 % in einzelne Fahrer zergliedert. Hier fuhr ich zügig hinauf und sammelte ein paar Fahrer auf. Wenig später musste ich leider feststellen, dass ich dabei überzog. Ich musste die neu geformte Gruppe ziehen lassen, weil meine Beine schnell ermüdeten und ich das Tempo nicht mehr mitgehen konnte. Nun rechnete ich jeden Moment damit, dass mich Gerrit einholen könnte. Er galt nach seinen Vorstellungen im Harz und bei den Marathons im Norden als teaminterner Favorit. Ich haute mir schnell mein letztes Energiegel rein und tatsächlich nach etwa 10 Minuten bekamen meine Muskeln wieder Leben eingehaucht. Als eine weitere Gruppe zu mir aufschloss, versuchte ich dran zu bleiben und erstaunlicherweise klappte es. Ich konnte mitgehen und fand wieder Tritt. Jetzt ging es hin und wieder über ein paar Wellen weiter bergauf und ich wusste, das Ziel rückt näher und näher und ich werde ein für mich wirklich gutes Ergebnis erzielen.

Der letzte Kilometer durch St. Anton war dann zwar hart, aber dennoch ein Genuss. Ich freute mich über eine gute Zeit und ein fast perfekt eingeteiltes Rennen. Zuschauer jubelten in der toll aufbereiteten Fußgängerzone, Cheerleaders tanzten. Eine tolle Atmosphäre. Ich konnte den Sprint der Schnellsten der Gruppe nicht mitgehen, reckte aber dennoch den Arm nach oben, als ich den Zielbogen durchfuhr.

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Ich bemerkte erst dann, dass ich mit 4:59:26 Stunden knapp unter der 5-Stunden-Grenze blieb. Das war ja ein positive Zufall und rundete mein schönes Renngefühl ab. Im Schnitt legte ich die 148 und 2.480 HM mit 29,7 kmh zurück.

Es war gerade erst kurz nach 12 Uhr, umso erstaunter war Jacky, als ich sie anrief, rechnete sie mit meinem Anruf doch erst gegen 13:30 Uhr. Ich musste beim Sprechen schon ein wenig schlucken, weil ich doch ein wenig emotional wurde. Dieses emotionale Gefühl hatte ich erst einmal bei der Tour d’ Energie in Göttingen. Ich liebe es. Deswegen fahre ich bei solchen Veranstaltungen mit, um genau dieses intensive Erlebnis zu spüren: Stolz auf seine Leistung, glücklich und gesund im Ziel zu sein und es der Liebsten mitteilen.

Ich setzte mich in die Liegestühle und trank gefühlt zehn Liter Säfte, Cola, alkoholfreies Bier, etc.. Zwischendurch klatschte ich mit Markus meinem Silvretta-Partner aus Sonthofen und dem HHLA-Fahrer ab, die ebenso glücklich aussahen. Ich wartete weiterhin auf meine Teamgefährten, aber es dauerte doch ein wenig bis ich vom Streckensprecher hörte, dass Fahrer vom Helmuts-Fahrrad-Seiten-Team das Ziel erreichten. Also nahm ich einen Becher Wasser und ging ihnen entgegen. Tatsächlich fuhren alle drei gemeinsam ins Ziel. Das fand ich klasse. So war auch mein schlechtes Gewissen Stephan gegenüber beseitigt, denn konnte er sich sehr gut mit Gerrit und Marco auf der Strecke arrangieren. Ich glaube, wir saßen noch etwa eine weitere Stunde in den Liegestühlen im Zielbereich bis wir uns zur Pension aufmachten. Stephan und Marco sahen zufrieden aus, Gerrit brauchte noch etwas Verarbeitungszeit, um dann auch glücklich über sein Vollbrachtes zu sein.

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Epilog: Nach dem Rennen

Als Gerrit, Marco und ich zur Pension kamen, warteten schon die motorisierten Streckenposten auf uns. Die Chefin holte einen Obstbrand und wir stießen auf dieses erfolgreiche Wochenende an. Eine tolle Geste. Wir standen noch unter Adrenalin, sonst hätte ich das Zeugs nicht runter bekommen und hätte nicht so viel geschwatzt.

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Einige Zeit danach war ich wirklich platt und schleppte mich mit den Jungs zum Pastaessen, um den Gutschein einzulösen. Als Vorspeise noch Frankfurter Würstl. Man gönnt sich ja sonst nichts. Gegen 19 Uhr schloss ich den anstrengenden Tag dann mit einem Gang ins Freizeitbad mit wunderbar warmen 30°C ab. Die Muskulatur hat es mir gedankt.
Am nächsten Morgen ging es zurück nach Hamburg/Buxtehude. Nach vier Tagen die Mädels wiederzusehen, war eine große Freude. Leider sind die Schlafeinheiten wieder reduziert.

Ich kann den Arlberg-Giro nur weiterempfehlen. Ein absolut professionell und sympathisch organisiertes Radrennen, welches auch für Flachländer ohne viel Höhenmetertraining machbar erscheint. Das Trikot werde ich stolz durch die Norddeutsche Tiefebene fahren. :)

Vielen Dank an
- Helmut.
- an den St. Anton Tourismusverband für ein absolut fantastisches Rennen.
- an Gerrit, Marco und Stephan für die Begleitung und die nicht immer radsportbezogenen Gespräche und auch für die schnarchfreien Nächte.
- an Familie Wolfram insbesondere "Mutti" von der Pension am Alten Hof für die günstige, aber sehr liebevolle Herberge.
- an die motorisierten Streckenposten für die tolle Arbeit an der Strecke.
- an meine eigene Familie für die Freiheiten.
- an Österreich für die schönen Landschaften, herausfordernden Anstiege und freundlichen Menschen.

Meine strava-Aktivität: http://app.strava.com/activities/72083677

Lieber Covadonga-Verlag! Vielen Dank für das Buch Lötzsch - Der lange Weg eines Jahrhunderttalents. Zu DDR-Zeiten war ich großer Fan von Ludwig, Ampler und Raab. Die tolle Biographie um Lötzsch füllt große Lücken in meiner Erinnerung und meiner Vorstellungskraft, wie es damals im Radsport des Ostens zuging.
"Mr. Nachkommastelle"
...wir sitzen alle in einem Boot, die einen rudern und die anderen genießen die Aussicht...
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Beitragvon Peer » 12.08.2013, 09:52

ein grandioser bericht alex!

da möchte man sofort aufs rad steigen und ein paar pässe fahren :D

auch glückwunsch zu der tollen leistung. und das bei so geringem trainingsumpfang!

gruss
peer

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