Crossen allein im Wald (Bericht)

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dirksen1
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Crossen allein im Wald (Bericht)

Beitragvon dirksen1 » 21.11.2012, 08:18

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Ich mag ja Nebel, Dunkelheit und die ruhige Stimmung, die dadurch entsteht und gestern bin ich spontan um 16:30 Uhr auf den Crosser gekrabbelt und die Strecke vom Sonntag in umgekehrter Richtung abgefahren.

Zunächst herrlich, im Halbdunkel bei dem immer dichter werdenden Nebel über Waldwege, Schotterpisten zu fahren, wurde es dann auf dem ersten Trail schon einigermaßen mulmig. Man sieht im Lichtkegel des Lenkerscheinwerfes ca. 3 - 5 m voraus, stark abgegrenzt wie abgeschnitten 2 m breit und dann nur Finsternis. Die Helmlampe leuchtet auch nur wenige Meter in den Wald hinein. Was sich hinter dem diffusen „Unlicht“ verbirgt, bleibt unbekannt. Ab und zu ein Geräusch, ein Knarzen oder auch ein Trappeln eines Tieres.

Ab dem 2ten Trail, es war bereits stockfinster, dann einige Begegnungen der unbekannten Art. Ich fuhr durch Matsch, der bedrohlich schwarz aussah und auch so gar nicht nach Matsch roch, eher nach „Scheiße“. Scheiße, dachte ich mir, Rehe? Die würden mich zwar erschrecken, aber dann wahrscheinlich abhauen. Wildschweine! Oh ja, bei uns? Kann das sein? Was macht man, wenn man einem oder mehreren Wildschweinen im Dunklen in deren Revier begegnet? Keine Ahnung, besser nicht dran denken, weiter fahren, auf Wurzeln und Steine achten, bloß keinen Plattfuß einhandeln.

Der kam dann im nächsten Trail, eigentlich super fahrbar und bei Tageslicht einer derjenigen, die man durchaus mal „voll“ nimmt, aber mit 3 m Sichtweite? Auf nassem Laub, aufgeschichtet auf 30 cm Tiefe? Nö, dafür dann der Plattfuß. Helmlampe sei Dank, schnell den Schlauch wechseln und weiter. Über lange und gerade Waldautobahnen, einigen asphaltierten Feldwegen zum letzten Trail des Abends.

Durch eine beinah zugewachsene, händehandtuchbreite Einfahrt ab in ein schwarzes Loch, das nur durch die Helmlampe zumindest soweit ausgeleuchtet war, dass ich die Rehe vor mir noch stehen, dann wild trampelnd weglaufen sah. Was für ein Anblick, diesen Tieren dort zu begegnen, wo sie zuhause sind und sie aus 5 m Entfernung beinah anfassen zu können. Wunderschön, romantisch, unheimlich, beinah surreal. Ein Erlebnis, dass ich kein zweites Mal erleben möchte, denn das würde es seiner Einmaligkeit und seinem Zauber berauben.

Der Trail dann im Rausch des soeben gesehenen...wie in einem Film, in dem ich mich selbst sah, holperte ich über Wurzeln, Steine und über den weichen, nebelnassen Waldboden.

Nach etwas über 2 Stunden war ich wieder daheim, grelles Licht aus den Halogenlampen in der Küche konkurriert mit der roten LED der Kaffeemaschine..,.Zivilisation, Technik...ich hatte euch nicht vermisst...

…Lieber Wald, ich komme in Frieden, aber ich werde wieder kommen zu dir, mit dem Crossrad, im Dunklen, allein, nur du und ich…
Zuletzt geändert von dirksen1 am 01.09.2014, 09:43, insgesamt 1-mal geändert.
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axiom 1
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dirksen1 allein im wald

Beitragvon axiom 1 » 21.11.2012, 12:59

wunderschöne Berichterstattung, mein lieber Dirksen1!

Ich fahr gern mal Rennrad auf der Strasse allein in der Dämmerung. Aber mit dem Crosser allein im Wald ist schon besonders krass. Ob dann Nebel oder nur Dunkelheit oder vielleicht etwas Neuschnee ist eigentlich egal, irgendein Naturerlebnis ist garantiert!
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Johanna
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Beitragvon Johanna » 22.11.2012, 12:18

dirksen1 hat geschrieben:Man sieht im Lichtkegel des Lenkerscheinwerfes ca. 3 - 5 m voraus, stark abgegrenzt wie abgeschnitten 2 m breit und dann nur Finsternis......
Genau so ist das, du fährst wie in einem Tunnel. Rehaugen leuchten im Licht, der Fuchs kneift die Augen zu und denkt "ich seh die nicht also sehen die mich auch nicht".....so'n klein bisschen Störenfried fühle ich mich dann schon.....

Trails werden von uns im Dunkeln nicht gefahren. Wir bleiben lieber auf der Wald-, Wiesen- oder Moorautobahn. Sicherer ist das.

:wink:
Zuletzt geändert von Johanna am 22.11.2012, 13:06, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Grotefend » 22.11.2012, 12:59

dirksen1 hat geschrieben:Ohne Bild....
Wunderschön! Leider nach Redaktionsschluss.
Vormerken für Bambi in der Kategorie "Poesie" im Jahr 2013!

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Beitragvon dirksen1 » 23.11.2012, 20:25

Eine tolle Reaktion bekam ich grad von Solling-Eule Jörg:

"Biken allein im Wald im Dunklen isrt wie Biken in einer Welt, die uns nicht gehört"

Dankeschön...
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biken allein im wald

Beitragvon axiom 1 » 04.12.2012, 16:55

der Wetterbericht hat Schnee zum Liegenbleiben angekündigt. :D

Das ist dann zwar nicht mehr so dunkel im Wald, aber eine Spur in den Neuschnee zu legen ist ähnlich cool wie Tiefschneefahren auf Ski. :cool:

Besonders klasse ist es, wenn es dabei noch schneit, dann bist du wirklich in einer Welt, die dir nicht gehört. :P
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Beitragvon kocmonaut » 04.12.2012, 23:32

Fahren bei Nacht ist Kopfkino. Die stillen Momente in der Dunkelheit fern jeder Reizüberflutung bewirken eine Entschleunigung, in denen Dich das hörbare Surren der Kette und das fühlbare Rauschen des Blutes in Trance versetzt, in denen das Knistern im Unterholz neben der Piste Dir freien Eintritt in die Geisterbahn gewährt und in denen Deine Lieblingssongs im Mindtrip unendliche Loops und Variationen erfahren. Wenn der "Runners High" der Gipfel ist dann ist der "Cyclists High" der Panoramaweg - genauso schön nur unendlich länger.

Ich genieße diese Momente auf langen nächtlichen Touren auf Asphalt - im Unterholz schießt mir dafür zu viel Adrenalin durchs Blut. Respekt für diejenigen, die es zu kombinieren wissen.

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Beitragvon Ü40-Cyclist » 17.12.2012, 13:13

Super beschrieben, dem kann ich in Gänze zustimmen.

Ich fahre seit 5 Jahren auf meinem Arbeitsweg ca. 60 % Straße und 40 % durch Wald und Flur und hatte ganz zum Anfang mal Musik dabei, das habe ich aber nach 3 Tagen sein gelassen. Mal davon abgesehen, dass es ablenkt, ist es einfach schön morgens um 6.00 Uhr den Sonnenaufgang und die Stille zu genießen (zumindest in der Sommerhälfte des Jahres). In der dunklen Jahreszeit kostet es manchmal schon Überwindung, sich aufs Rad zu schwingen und sich bei Regen, Nebel, Kälte oder Glätte auf den Weg durch die Dunkelheit zu machen.

Auf meinem Weg durch den Duvenstedter Brook und Umgebung (bekannt für seinen Wildreichtum) muss man immer mit einer Begegnung unserer Waldbewohner rechnen. Die krasseste war ein beinahe Zusammenstoß mit einer Dammwildkuh. Es war Schneegestöber, ich hatte den Kopf zwischen den Schultern, Blick direkt vors Vorderrad, nur das Klackern von Tierhufen ließ mich Hochblicken und eine Kollision konnte gerade noch vermieden werden. Im Winter läuft das Wild scheinbar auch im Sparmodus, denn die Dammwildkuh trottete ganz gemütlich weiter und hätte ich ihr über die Straße geholfen, hätte sie sich wahrscheinlich noch bei mir bedankt. :Danke:

So gab es schon unzählige Begegnungen mit Rehen, Füchsen, Kranichen, Rotwild und auch Wildschweinen, die man nur zu Fuß oder halt mit dem Rad erleben kann. Und ich gebe Dirksen recht, es ist schon ein besonderer Kick durch die Dunkelheit zu düsen, das Knacken und Rascheln neben sich zu hören und nicht zu wissen, was sich dort bewegt, und immer der Gedanke, „Hoffentlich rammt mich nicht gleich etwas vom Rad“. Und dennoch liebe ich diese Momente und bin froh, dass ich nicht auf das Auto angewiesen bin und mich über vollgestopfte Straßen quälen muss. Manchmal drehe ich sogar auf dem Heimweg eine extra Runde durch die Dunkelheit, um den Kopf nach einem stressigen Arbeitstag frei zu fahren. Dann komme ich mit einem breiten Grinsen zu Hause an und die Welt ist wieder in Ordnung.

Zur Brunftzeit des Rotwildes habe ich zudem immer Fernglas und Fotoapparat dabei und nehme mir die Zeit ein paar Aufnahmen zu schießen. :foto: Meine Kollegen sind immer ganz erstaunt, wie schön unsere Umgebung ist und was man alles sehen kann, wenn man sich abseits der Hauptverkehrsadern bewegt.

In diesem Sinne, immer schön die Augen offen halten.
Gruß Mario
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Musik im Ohr?

Beitragvon kocmonaut » 18.12.2012, 23:39

Hallo Mario,

Klarstellung: ich fahre auch nicht mit Musik im Ohr und ich verlasse eine Gruppe, wenn einer nen Knopf im Ohr hat. Ich singe auch nicht (die armen Tiere). Sie spielt sich nur in meinem Kopf ab. Der Dank derjenigen, die somit meine Musik nicht hören müssen, ist mir dadurch zusätzlich gesichert.

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Musik im Ohr?

Beitragvon Ü40-Cyclist » 19.12.2012, 12:32

Hallo kocmonaut,

das mit der Musik im Ohr stammt aus der Zeit, als ich mit dem Radfahren begonnen habe. Ich dachte es wäre unterhaltsam, wenn man allein unterwegs ist. Wie gesagt, ging auch nur 3 Tage ,weil es genervt hat und auch eine Gefahrenquelle in sich birgt. Bin daher auch absoluter Gegner von Kopfhörern im Straßenverkehr, egal ob bei Radfahrern, Joggern oder Fußgängern.

Gruß Mario
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