Schon allein wegen der Entfernung zwischen Sittensen und Mailand bzw. San Remo verbat sich natürlich eine private Organisation. Die Tatsache, dass es sich um eine Point-to-point-Strecke handelt, macht es nicht einfacher, allerdings organisiert der Veranstalter für 40 Euro nach der Tour einen Rücktransport per Bus nach Mailand.
Wir hatten eine Reise vom 05.-07.06. gebucht über Günther Kulessa von der Betriebssportgruppe des HR und wir können diese Art der Teilnahme nur empfehlen. An alles war gedacht, es gab quasi eine Rundumversorgung und Betreuung, wie wir sie noch nicht kennengelernt haben. Für jeden Teilnehmer gab es ein T-Shirt mit persönlichem Namenszug und Streckenprofil

zum besseren Kennenlernen (zusätzlich noch ein Renntrikot - sehr stylish, auch mit Namenszug), Kuchen, Süssigkeiten, Kaffee, kalte Getränke im Bus, alles da und zwar bis zur Rückankunft einschließlich.
Am 05.06. ging es gegen 06:00 von Frankfurt aus los mit einem komfortablen Bus

einschließlich Radanhänger, mit dem die Räder sicher transportiert wurden. Nach zwei Zwischenstopps mit der Aufnahme weiterer Fahrer und Durchquerung der Schweiz, waren wir dann gegen 17:00 in Mailand in unserem Hotel (4 Sterne), das gleichzeitig das Race-Hotel war und vor dessen Haustür die RTF gestartet wurde.

Da sich in unmittelbarer Nähe ein Riesen-Einkaufszentrum befand, bestand noch die Gelegenheit, letzte Einkäufe zu tätigen.
Gegen 19:00 erfolgte dann die Ausgabe des Racetrikots, der Startunterlagen, des Transponders etc..Auch vom Veranstalter selbst gab es ein Renntrikot, das im Startgeld von 45,-- Euro enthalten war. Farblich (flieder) zwar für unsere Augen etwas gewöhnungsbedürftig, aber auch hier vom Stil super, mit Streckenprofil auf dem Rücken etc.. Von Günter Kulessa erhielten wir dann noch zwei zusätzliche Trinkflaschen, mehrere Powerbar-Gels und -riegel.
Gegen 20:00 fand dann eine Pastaparty im Hotelbereich statt, die mit unseren Pastapartys nicht zu vergleichen war. Im Grunde ein Büffet mit mehreren Essen und Dessert (mehrere Kuchensorten), einschließlich Aqua und Tischwein. Aber schnell musste man sein, nachgelegt wurde so gut wie kaum.
Nachdem wir dann noch alles fertig hingelegt hatten (Räder auf dem Zimmer),

war gegen 04:15 Aufstehen angesagt, um ab 05:00 zu frühstücken. Frühstück vor der RTF bedeutete einschließlich Nudeln und Spaghetti

(die von den Italienern übrigens mit Olivenöl gegessen wurden). Dann wurden die persönlichen Gegenstände in den Bus verbracht, um sich mit den übrigen der ca. 800 Teilnehmern in den Startbereich einzusortieren. Vorher wurden noch die Transponder auf einer Matte getestet.

Da wir doch recht zeitig erschienen waren, standen wir ungefähr mittig. Pünktlich um 07:00 und bei ca. 20 Grad Lufttemperatur ging es dann los, wobei wir gegen ca. 07:05 die Startlinie überquerten.
Ein Führungsfahrzeug vorneweg

und gruppenweise dann hinterher. Am Anfang hatten wir eine schöne Gruppe im 34er/35er Tempo, bei der wir uns gut hätten aufhalten können, allerdings machte der Abnehmer von Ulrikes Tacho Krawall, wir mussten rechts ran und weg war sie. Allerdings stiegen wir dann in eine neue Gruppe ein, die ein 32er/33er Tempo fuhr, das für unseren Geschmack etwas zu langsam war, zumal man für die Strecke nur 12 Stunden Zeit hatte, also ungefähr 25er Schnitt und der vielleicht nicht anstrengendste, aber zeitaufwändigste Part lag auf der zweiten Streckenhälfte. Es musste also etwas rausgefahren werden, was die Cracks auch machten, die bis zur ersten Verpflegung bei ca. 130 Km penetrant über 40 Km/h fuhren.
Für mich stellte sich dieses Problem nicht, da bei mir wieder einmal der Defektteufel zuschlug und zwar bereits bei ca. Km 10.45: Platten vorne. Sonst immer hinten, jetzt vorne. Das hatten wir wohlweislich geregelt. Taktik war: Ulrike fährt weiter und ich komm hinterher. Gesagt, getan. Relativ schnell für mich in 8-10 Minuten war alles fertig einschließlich verpacken und los gings. Einzelzeitfahren sozusagen in einem Tempo zwischen 32 Km/h und 34 Km/h, immer in der Hoffnung, irgendwann auf einen langsameren Teilnehmer aufzufahren. Aber der kam nicht! Statt dessen musste ich feststellen, dass die Italiener von einer RTF-Beschilderung doch eine andere Auffassung haben als wir in Deutschland. 20-30 Km nichts, um dann auf 100 Metern bei keiner anderen Fahrmöglichkeit 3 Aufkleber anzubringen. Gelpackungen, abgefallene Flaschen, Teamfahrzeuge, die ihre Fahrer mit Defekten aufnahmen etc. zeigten mir wie bei Hänsel und Gretel, dass ich noch richtig war. Noch. Denn die Einschläge kamen immer näher. Einen Kreisverkehr musste ich bereits dreimal fahren, um den richtigen Ausgang zu erwischen, dann hatte es mich aber erwischt.
Die ligurischen Berge sollten nach der ersten Verpflegung überquert werden bei ca. Km 145 über den Passo del Turchino über eine Kreisstraße, während ich die Überquerung via "Bundesstraße" (ST 35) über den Passo dei Giovi vornahm. Nur ganz am Rande: obwohl es hierauf nicht darauf ankam, war das schon geschummelt. Der Giovi erreicht die Höhe des Turchino nicht und hat mit ca. 26:36 einen deutlich niedrigeren Score.
Allerdings hatten die Fahrer der richtigen Route weitaus größere Vorteile. Man startet in Mailand auf einer Höhe von 113 m, um den Turchino bei 532 Metern durch einen Tunnel zu überqueren und sich dann auf einer 12 Km Abfahrt auf 0 Meter herabzustürzen und in einem Vorort von Genua Richtung San Remo zu landen.
Ich allerdings fuhr seicht den Giovi hinab und landete mitten in Genua, ohne dass eine Beschilderung zu erkennen war, wie es überhaupt weiterging. Schließlich befand ich mich im Passagierhafen. Jetzt musste erst einmal ein Notstopp her. Abgesehen davon, dass Mineralwasser aufgefüllt werden musste, erste Telefonierversuche. Bereits erste unbeantwortete Anrufe auf meinem Handy, aber keine Kontaktaufnahme möglich. Auch nicht über eine uns zur Verfügung gestellte Notfallnummer. Immer nur: Hallo, ich kann Sie nicht verstehen. Und die Zeit lief und lief und lief. In einem Restaurant endlich eine englischsprachige Bedienung gefunden, die mir die Straße nach San Remo zeigte. Völliges Unverständnis, dass ich dorthin mit dem Rad wollte (noch ca. 150 Kilometer). Noch einmal in Genua-Ausgang gefragt, ob ich nach San Remo richtig sei. Ja, alles klar, aber ob ich sicher sei, dorthin mit dem Rad zu wollen. Ja, ich solle aber nicht zu weit fahren, dann würde ich noch in Frankreich landen...
Aber dann gings weiter, mehr als 130 Kilometer über die Küstenstraße Richtung San Remo. Dass ich noch einen weiteren Reifendefekt hatte, will ich hier nur am Rande erwähnen. Ich vermutete ein schadhaftes Felgenband und benutzte einen Teil einer Serviette, um einen dritten Schlauchwechsel überflüssig zu machen. Klappte dann. Und Ulrike telefonisch erreicht, nachdem es mir zuvor gelungen war, erstmals per Handy eine SMS abzusetzen.
Bei Kilometer 226 nochmals Aqua gekauft und Notpause gemacht, da ich ernährungsmäßig total unterversorgt war. Im Grunde die ganze Tour nichts gegessen mit Ausnahme von 400 Gramm Aldi-Gelees und einem Bissen Powerbar-Riegel, woraufhin mir schlecht wurde. Ein halber Liter Aqua half dann aber.
Die Küstenstraßentour hatte es dann aber in sich. Überall entweder Industrieorte oder Ferienhochburgen. An mindestens 50 roten Ampeln und weiteren 50 Fußgängerüberwegen musste ich halten, wo vor mir die Gruppen sich entweder selbst den Weg gebahnt hatten oder sogar von Polizisten durchgewunken wurden.
50 Kilometer vor dem Ziel dann noch ein Tunnel, der von Radfahrern nicht passiert werden durfte. Der grüne Streckenpfeil war schon abgenommen, so dass ich nicht wusste, dass ich da hätte fahren dürfen. Einmal durch den Ort und wieder gefragt. Und wieder die Zeit... Und schließlich das erste Schild: San Remo 27 Kilometer. Und es wurde langsam dunkel. Gas geben Dann endlich wieder ein grüner Pfeil: rechts ab. Ah, keine Abgase mehr, keine Autos, kein Verkehr. Nein, jetzt gings es kurz vor Schluss von Null auf den 240 Meter hohen Cipressa und dann im Halbdunkel wieder runter auf die Küstenstraße. Etwas sauer auf die Streckenbauer, hätte ja nicht sein müssen. Dann endlich ein Schild San Remo 5 Km.
Auf einmal kommt mir auf einem Moped ein älterer Polizist entgegen, laut palavernd und weg war er.Ich dachte, er schimpft wegen fehlender Beleuchtung. Er fuhr immer links von mir und redete und redete. Ich verstand nichts. Auf einmal winkte er mich rechts raus. Links abdeckend, so dass ich nicht geradeaus fahren konnte. Und da sah ich es: ein weiteres gelbes Streckenschild, ich musste unweigerlich noch den 162 Meter hohen Poggio di San Remo hoch. Wie ich später erfahren habe, war es Job des Polzisten, den letzten Fahrer abzufangen.
Also hoch, innerlich fluchend, der Anstieg war nicht ohne. Hier fahren die Profis schon noch einmal Attacke, um eine Sprintankunft zu vermeiden. Dann wieder ab, nahezu bei Dunkelheit, aber ab und zu im Schein von Laternen. Und dann rein nach San Remo gegen 21:30. Um 22:00 endlich im Hotel.
Für Statistiker: Strecke offiziell: 295 Km, mein Tachostand: 325,5 Km. Die Angaben zu den Höhenmetern schwanken zwischen 1.800 und 2.250. Sieger: Michele Mascheroni in 7:49:21.00=37.58.
Also: im nächsten Jahr nicht gerade wieder, weil wir etwas anderes vorhaben, aber dann wird einmal auf Angriff gefahren.
Konkursus






