Breaking LA: Kinotour nach HH-Wilhelmsburg (Bericht+Bilder)

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Harterbrocken
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Breaking LA: Kinotour nach HH-Wilhelmsburg (Bericht+Bilder)

Beitragvon Harterbrocken » 20.06.2013, 17:21

Meine Freitag-Tasche ist schon mal gut. Freitag-Taschen sind aus recyceltem Lkw-Planen gefertigt. Die Freitag-Brüder leben in der Schweiz und gelten als sehr fahrradaffine Unternehmer. Kein Wunder also, dass ich nicht der einzige mit Freitag-Tasche bin.

Es ist Mittwoch, 18.30 Uhr, ein perfekter, warmer Sommertag in Hamburg geht langsam zu Ende. Auf der schattigen Grünfläche "Beim grünen Jäger" im Herzen von St. Pauli döst rund ein Dutzend Radfahrer in der schwülen Abendluft. Fahrräder liegen auf dem Rasen oder lehnen gegen Treppenstufen. Es sind überwiegend Fixies und Single Speeds. Per Facebook wurde zur Micro Mass gerufen, also eine Miniaturausgabe der Critical Mass (CM). Doch anders als bei den monatlich statt findenden CMs, gibt es heute eine feste Route und ein Ziel: Wilhelmsburg, das Rialto-Kino.

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Erstmals wird heute der Film Breaking LA in Deutschland aufgeführt. Die Hauptdarsteller sind Radfahrer aus der Hamburger Kurier- und BMX-Szene. Zwölf Tage Radfahren in Los Angeles, der Autostadt schlechthin. Das muss ich sehen. Doch bevor es losgeht, kreisen erstmal ein paar Bierflaschen. 19 Uhr ist durch. Als einzigen Bekannten sichte ich den Hamburger Außenposten des ESK. Eigentlich sollte längst Abfahrt sein. Doch die Szene nimmt es nicht so genau; immer schön locker bleiben.

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Dann geht es unvermittelt los. Und wie! Mit gut 30 Stuckis düsen rund 35 Radfahrer über die Budapester Straße. Der Fahrtwind tut in der noch immer 25 Grad warmen Luft gut. Herrlich, so macht Radfahren in der Stadt Spaß. Noch schneller geht es die Helgoländer Allee runter zum Hafen. Laut quietschen die Bremsen, schon verschwindet die Masse im alten Elbtunnel. Nur fünf Minuten haben wir für die drei Kilometer gebraucht. Unten schwingen sich alle wieder aufs Rad, werden aber per Lautsprecherdurchsage daran erinnert, dass in Südrichtung um die Uhrzeit das Rad zu schieben ist. Ich hätte eigentlich gewettet, dass sich keiner daran hält.

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Doch dann steigen alle wieder ab und schieben brav ihr Rad. Warum auch nicht? Bei dem Tempo kommen wir noch früh genug am Rialto an. Oben wird kurz gewartet, bis die Gruppe wieder komplett ist, schon geht es weiter in sehr flottem Tempo nach Wilhelmsburg. Dank breitem und asphaltiertem Radweg macht es inzwischen richtig Spaß, auf die Elbinsel zu fahren. "Das ist die schnellste CM aller Zeiten", stöhnt einer. Vorm Rialto angekommen herrscht dichtes Gedränge, kühles Jever wird aufgeploppt und eine lange Schlange bildet sich vor der Kino-Kasse.

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Das Rialto hat ein Mäzen kürzlich renoviert, dabei aber den morbiden Charme des wunderbar altmodischen Stadtteilkinos erhalten. Das Publikum nimmt das wieder eröffnete Programm-Kino dankbar an. Ich finde es super, wenn so etwas wiederbelebt wird. Heute ist volles Haus - das bei einem Underground-C-Film, mit dem eigentlich nur extreme Fahrrad-Afficinados etwas anfangen können. Chips, Dipp und Tequila gibt es kostenlos.

Mit langen Ohren verfolge ich ein Gespräch in der Sitzreihe hinter mir: "Schon gehört", fragt einer. Nö, wat denn", antwortet sein Nebensitzer. "Gibt jetzt endlich vegane Fahrradsättel zu kaufen, finde ich cool." Okay, ich bin ja offen für fast alles, aber vegane Fahrradsättel sind mir neu und ich kann diesem Gedanken auch erstmal nichts abgewinnen. Vegane Sättel..., also Sachen gibt es, da musst Du erstmal darauf kommen.

Mit gut 20 Minuten Verspätung fängt der Film an. Erste Szene: Die Pankt Saulopoly Alleycat. Von dort geht es nach LA. Erzählt wird das Abenteuer, Los Angeles kreuz und quer mit dem Rad zu durchkreuzen. Packende Aufnahmen aus der Lenkerperspektive, BMX-Tricks, wahnsinnige Skids mit dem Fixie - der Streifen zeigt mit passender Musik unterlegt die besonderen Arten der urbanen Fahrradkultur und wird immer wieder von sehr amüsanten Kurzinterviews der Beteiligten unterbrochen. Die wollen mit dem Film eine spezielle Botschaft vermitteln. Welche, das muss jeder für sich selbst entscheiden.

So war die Gruppe nicht nur in den schönen und reichen Orte wie Hollywood und Venice Beach, sondern hat auch in einer Obdachlosen-Mission Kleider sortiert und einen Schießclub besucht, um der Waffenversessenheit der Amerikaner auf die Spur zu kommen. Nach dem Film legen dann noch die Hamburger Band "The Ricky Kings" los - eine Mischung aus Punk und Hiphop mit hartem Gesang, kräftigen Gitarrenriffs und sehr präsentem E-Piano würde ich sagen. Einige Mädels jedenfalls hält es nicht lange auf den Kinostühlen.

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Mir hat der Abend auf, mit und über das Rad gut gefallen. Hamburg könnte gerne noch mehr dieser Art der Fahrradkultur gebrauchen.
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ottoerich
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Beitragvon ottoerich » 22.06.2013, 11:11

schöner Erlebnisbericht, dank je!

Leider ging die Fahrt an mir vorbei, verpasst.
AyGee
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Beitragvon AyGee » 28.06.2013, 13:09

Aha, deshalb!
Ich hatte mich letzten Mittwoch gefragt, warum mir auf dem Weg zum und im alten Elbtunnel soviel Singlespeed-Fahrer entgegen kommen.

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