Brevetserie in Nærum/Kopenhagen '15 (Bericht)

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tailwind
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Brevetserie in Nærum/Kopenhagen '15 (Bericht)

Beitragvon tailwind » 01.07.2015, 20:31

Wegen einer unfreiwilligen Zwangspause im Frühjahr konnte ich die PBP Qualifikation nicht abschließen. Mir fehlten drei von vier Brevets. Mitte Juni gab der Arzt dann sein OK, dahingehend, dass ich wieder Radfahren durfte. In Deutschland wurden keine 300er und 400er mehr gefahren deswegen habe ich mich im Ausland umgesehen. In Dänemark bin ich dann fündig geworden.

Startort der Brevets war Nærum, ein Vorort im Norden Kopenhagens. Das erste Brevet (300 km) fand am 13. Juni, der Tag, an dem ich wieder Radfahren durfte, statt. Ein paar Tage vorher habe ich mich auf das Rad geschwungen und nach der Arbeit versucht, 80 km am Stück zu fahren: Mit drei Pausen zwischendurch ging das dann auch.

Ich bin trotzdem Freitag Abend nach Kopenhagen gefahren, war um Mitternacht vor Ort und habe im Auto übernachtet. Praktischerweise war der Treffpunkt ein riesengrosser Parkplatz vor dem örtlichen Stadion. Beinahe wäre ich am Papierkram gescheitert: Angemeldet war ich aber der Organisator bekommt die Anmeldung nur zu sehen wenn das Geld (zentral auf einem Konto) eingegangen ist. Mangels BIC/IBAN hatte ich nicht überwiesen sondern angefragt ob ich vor Ort bezahlen kann. Diese und andere, via Website auf englisch, gestellte Fragen wurden nicht beantwortet. Aber der Organisator hatte Blankokarten dabei, für unangemeldete Gäste.

Organisiert wurde die Brevetserie von Alex, der die Termine extra sehr spät gelegt hat, um Leuten, die, aus welchen Gründen auch immer, Brevets nachholen wollten, eine Chance zu geben, diese Brevets fahren zu können. Alex ist ein sehr entspannter Mensch und hat mich freundlich aufgenommen: Alex, vielen Dank noch einmal dafür!

Bild
Schlafplatz + Rad

300 km

Beim 300er waren wir zu dritt: Jan, Chef vom janze Audax in DK, ein Rookie und ich. Es ist erstaunlich, wie oft man in Skandinavien auf Claus angesprochen wird: Das Schema ist immer das gleiche: "You are from Hamburg? Do you know Claus?" Letztes Jahr ist mir das bei einem Brevet in Schweden passiert, dieses Jahr hat mich Jan angesprochen ("I cycled with him in Russia") und dann eine Woche später beim 400er wieder von drei Schweden: "How is Claus?"

Ohne Wasser (hatte ich glatt vergessen) und ohne Kronen (hatte ich auch vergessen) in der Tasche ging es dann auf die 300 km Strecke. Jan hat mir auf den ersten Kilometern schnell noch ein paar Basics für das Brevetfahren in DK beigebracht: Ist die Tankstelle geschlossen, wird die Kreditkarte eingesteckt, die PIN eingegeben der Zapfhahn einmal angehoben und wieder aufgelegt. Der Automat spuckt dann eine Quittung aus, die als Kontrollbeleg gilt. Dann hat er mich freundlich gebeten, von der Strasse auf den Radweg zu wechseln - in DK gibt es eine strikte Radwegbenutzungspflicht (RWBP) - auch für Rennradfahrer.

Diese RWBP ist mir fürchterlich auf den Geist gegangen, denn die Radwege in den Städten bzw Orten sind teilweise in einem fürchterlichen Zustand, haben viele Kanten, an denen man mit den schmalen Rennradreifen schnell mal wegglitschen kann und sind voller kleiner, spitzer Steine, die nur darauf warten, Dir die Reifen aufzuschlitzen. Deswegen auch der dritte Tipp von Jan: Fahr mit inline Protection. Beliebt ist in DK auch der Durano Plus, der scheint auch ziemlich steinresistent zu sein.

Ich hab dann angesichts meiner Kondition beschlossen eine emotionslose Routinefahrt zu machen. Ich habe die beiden ziehen lassen und mein Blick ging die ganze Zeit nur zwischen Pulsmesser und GPS hin- und her. Die ersten 150 km war ich nur damit beschäftigt, den Puls unten zu halten bzw. wieder runter zu kriegen.

In Nordseeland bin ich schon einmal gefahren und dort gibt es Gegenden, die an die Schweiz erinnern. Ich hatte mir damals die fiesesten Stellen mit einem englischem Schimpfwort (vier Buchstaben und fängt mit f an) im GPS gebookmarkt. Das war so etwas von klar, dass wir dort fahren würden. Auf der Hin- und Rückfahrt. Aus ganz Seeland versammeln sich dort Radfahrer, um zu trainieren.

Nordseeland ist unangenehm wellig. Wir sind von Nærum (Ostküste) nach Kalundborg (Westküste) gefahren. Die ersten (und letzten) 100 km reihte sich Hügel an Hügel. Dass man auf dem Rad relaxen und mal so entspannt richtig Kilometer machen kann, ist selten. An der Westküste ist es auch nicht wirklich flach, nur statt zehn Wellen gibt es hier eine lange, flache Steigung.

Auf dem Rückweg habe ich dann einen Schnitzer gemacht: 50 km vor dem Ziel fing es in Roskilde leicht zu plattern. Schmuddelwetter, ich habe mich gleich wie zu Hause gefühlt. Also nichts, was man nicht mit Schuhcover und Regenjacke erschlagen kann. Das Plattern ging dann in einen Landregen über und bevor ich das realisiert hatte, war schon die Hose plitschnass. Der Landregen ging dann in Starkregen über und dann waren auch die Schuhe voll Wasser. Wegen der RWBP mußte ich dann wegen schlechter Sicht in den Vororten runter mit der Geschwindigkeit und habe mich um Pfosten, Bushaltestellen, Parkbuchten herumgeschlängelt. Pitschnass bin ich dann im Ziel angekommen. Übernachtet habe ich wieder im Auto und war dann Sonntag Nachmittag zurück in Hamburg.

400 km

Dann ging es nächsten Freitag Abend wieder Richtung Kopenhagen. Diesmal habe ich die Beltbrücke genommen, anstatt der Fähre Rødby - Puttgarden. Man spart knapp 100 Euro und benötigt die gleiche Zeit. Übernachtet habe ich wieder im Auto. Diesmal waren wir zu siebt, u. a. ein Schwede aus Stockholm. Wegen seines gebrochenem Ellenbogens hatte er sein Rad mit einem Cruiserlenker und Lenkerendschalthebeln versehen, damit er fahren konnte (I want to have the PBP option). Leichtes Krankenlagerfeeling kam auf: Ich war auch noch nicht wieder ganz wiederhergestellt, aber hatte ebenfalls aufgerüstet: Inline Protection (Einlagen) für die dünnen Rennradreifen und ein neuer Scheinwerfer, dazu Wasser und Kronen.

Den ersten Platten bzw. puncture wie man im Ausland sagt, hatte ich dann nach 5 km. Und den nächsten beim km 25. Ich werde ja sonst nie nervös, aber das hat mit schon mitgenommen. Ich bin dann gleich in Roskilde in das nächste Fahrradgeschäft und habe mich mit Schläuchen und Flicken eingedeckt. Die nächsten 375 km waren aber pannenfrei. Die Strecke war fast identisch zum 300er: Über gefühlt 100 Hügel nach Kalundborg und dann haben wir zusätzlich noch in Schlenkern die Nordküste abgefahren. Für diejenigen, die Seeland nicht kennen: Seeland besteht aus Kopenhagen, der Nordküste mit den ganzen Sommerhäusern und der Rest sind praktisch menschenleerere Agrarflächen.

An der Nordküste in Nykøbing hatte ich dann eine der großen Enttäuschungen in meinem Leben: Thaicurry in einem dänischen Restaurant. Der Preis war dreimal so hoch wie bei uns. Was die freundliche Bedienung mir aber verschwiegen hat: Es gab nur ein Drittel von dem, was bei uns auf dem Teller liegt. Und ich war so hungrig. Wie sagt Knut immer so schön: In Dänemark kann man für viel Geld wenig kaufen.

Egal, weiter ging es durch die Nacht. Ich liebe die Nachtfahrten beim 4- und 600er. Morgens um zwei dann die Megaüberraschung: Die Tankstelle in Frederikssund war hell erleuchtet und offen. Und noch besser: Drinnen gab es Stühle und Tische, an denen man sitzen und Kaffee trinken konnte! Der Kaffee hat mich über die letzten 100 km getragen.

Diesmal war die Zeit knapp: Ich habe mich sofort schlafen gelegt und bin gegen Mittag Richtung Hamburg losgefahren. Für die Rückfahrt hatte ich mir Koffeindrinks besorgt, weil schon klar war, daas ich etwas übermüdet fahren würde. Bitte nicht nachmachen.

600 km

Mein Chef hatte Einsehen und mir zwei Tage Spontanurlaub genehmigt: Deswegen konnte ich beim dritten Trip nach Kopenhagen den Zug nehmen. Anreisetag war Freitag und im Vergleich zu der Beltbrücke spart man noch einmal um die 100 Euro. In Nærum gibt es einen Campingplatz. Ungelogen DIREKT neben der Autobahn und die Preise sind vermutlich von einem dänischen Restaurantbesitzer festgelegt worden. Man kann es seinen deutschen Gästen aber auch schwer machen, Dänemark lieb zu haben.

Nach der Erfahrung mit dem Restaurant und dem menschenleeren Seeland hatte ich mir bestimmt 1 kg Lebensmittel mitgebracht: Belegte Brote, Astronautennahrung, selbstgebackene Kraftcookies, Äpfel, Duplos und Frikadellen. Sicher ist sicher! Ich glaube, ich habe beim 600er deswegen nicht abgenommen, weil ich während der Tour alles aufgegessen habe.

Wir waren zu acht: Ein paar, die in Vorbereitung auf PBP 'die Beine lockern wollten', Frederik der Rookie und Teddy war mit 73 der älteste. Chapeau! Diesmal ging es die Westküste entlang: Nærum, Roskilde, Köge, Faxe und dann über die Brücke bis in den hintersten Winkel nach Møn. Mein Körper hatte sich völlig umgestellt: Der Puls ging nicht mehr hoch.

Ein Goodie auf der Tour war, dass wir während des Roskilde Festivals direkt am Festivalgelände vorbeigefahren sind. Es war Anreisetag und alles voller Kiddies. Ich kann mich noch gut erinnern: Das letzte Mal, als ich da war, war Metallica noch ein Geheimtip und die Eintrittskarten haben 80 Mark gekostet. Wie die Kiddies vermutlich heute auch, hatte ich damals keine Ahnung, wo ich so viel Geld auf einmal hernehmen sollte, habe es letztendlich aber trotzdem zusammenbekommen.

Auf Møn, in Klintholm war Wendepunkt und zurück ging es gegen den Wind 100 km Richtung Kalundborg. In Voringborg war Zwangspause weil mir die Halterung des Frontscheinwerfers kaputt vibriert war. Der rauhe, skandinavische Asphalt hat es schon in sich. Ich habe den Scheinwerfer quer an die Lowriderbefestigung angeschraubt und bin mit halben Licht weitergefahren.

Dann ging es in die Nacht durch kalundborg und dahinter in die äußerst fiesen Hügel um Nykøbing. In Nykøbing war ich dann durch, aber die Aussicht auf den Kaffee im 100 km entfernten Frederikssund hat mich weitergetrieben, hinüber über die schweizer Trainingshügel der dänischen Radfahrgemeinde.

Ein weiteres Goodie waren die Studenten die an diesem Tag ihr Examen gefeiert haben: In jeder etwas größen Stadt sind sie auf Militärtrucks stundenlang im Kreis durch die Stadt gefahren. Mit ihren weißen Mützen und laut singend. Wenn Dänen etwas drauf haben, dann Party machen.

Und nicht zu vergessen die Ausfahrt des Jensen Clubs mit ihren Oldies ...

Dann in Frederikssund, bei km 500, hatte ich keinen Bock mehr auf Radfahren und habe die letzten 100 km routinemäßig abgespult. Die Luft war raus, ich wusste, ich würde finishen und auch locker in der Zeit bleiben. Ich war einfach nur noch genervt, weil ich die letzten drei Wochen nur gearbeitet, gependelt oder mit zu wenig Schlaf Rad und Tour vorbereitet habe.

Zurück auf dem Campingplatz bin ich sofort ins Zelt und habe seit langem mal wieder zehn Stunden am Stück geschlafen.

Am nächsten Tag habe ich das gefrühstückt, was ich Vortags übersehen hatte: Duplos und Frikadellen. Den Tag habe ich dann blau gemacht, bin am frühen Morgen die 15 km nach Kopenhagen geradelt und war Sightseeing: Zuerst habe ich mir solange Supermärkte angeschaut, bis ich einen gefunden habe, in dem es die leckeren 1 L Trinkjoghurts mit Vanillegeschmack gibt. Dann habe ich mir ein typisch dänisches Cafe angesehen, in dem es ebenso leckere Zimtschnecken gab. Danach war ich beim Pölserstand, gleich neben der kleinen Hafenfrau und später nebenan beim Pölserstand bei Schloß Amalienborg. Wachablösung war gerade nicht und deswegen habe ich mich vor eine Pizzeria gesetzt etwas bestellt und auf die Wache gewartet, die auf dem Weg von Amalienborg in die Kaserne dort vorbeimarschiert. Gebildet, satt und zufrieden ging es dann mit dem Zug nach Hause.

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Und Glück mit dem Wetter hatte ich. Auf der Rückfahrt habe ich ein paar Kölner getroffen, die mehrere Wochen mit dem Rad durch Dänemark getourt sind: Die haben mir Schauergeschichten über Regen und Wind erzählt.

Was bleibt? Ich denke der 400er war die schönste der drei Strecken.

Il semble que je suis de retour dans les affaires de long parcours. :-)
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Helmut
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Beitragvon Helmut » 02.07.2015, 02:27

Großartig!

Nicht nur, was Du gefahren hast, auch wie Du es beschreibst.
tailwind hat geschrieben:50 km vor dem Ziel fing es in Roskilde leicht zu plattern. Schmuddelwetter, ich habe mich gleich wie zu Hause gefühlt. Also nichts, was man nicht mit Schuhcover und Regenjacke erschlagen kann. Das Plattern ging dann in einen Landregen über und bevor ich das realisiert hatte, war schon die Hose plitschnass. Der Landregen ging dann in Starkregen über und dann waren auch die Schuhe voll Wasser.
Ich fühlte beim Lesen das Regenwasser in meine Schuhe rinnen. Das mir, wo ich doch Wasser in den Schuhen hasse!
Wenn's um die Wurst geht, sollte man gut abschneiden.

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