1000er ACP Brevet Franche Comté ab Belfort (Bericht+Bilder)

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chris
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1000er ACP Brevet Franche Comté ab Belfort (Bericht+Bilder)

Beitragvon chris » 06.08.2014, 23:39

Ich möchte mich nach langer Abstinenz auch mal wieder mit einem Beitrag melden. Weil PBP im nächsten Jahr (2015) wieder ansteht und weil ich einfach Spaß daran habe, wollte ich dieses Jahr unbedingt wieder einen 1000er Brevet fahren. Aber warum ausgerechnet in Belfort in Frankreich?

1. weil ich nur ein begrenztes Zeitfenster (meinen Sommerurlaub) zur Verfügung hatte. Und zu der Zeit gab es nicht viele Angebote im französischen und Weltbrevetkalender des ACP, die in mein Beuteschema passten.
2. weil ich seit ein paar Jahren schon Brevets fahre, aber bislang immer bei deutschen Organisatoren. Dabei ging es dann auch schon mal ins angrenzende Ausland, aber diesmal wollte ich die Erfahrung machen, wie im Heimatland des Randonneursports Brevets gefahren werden.
3. sollte die Strecke ambitioniert, aber nicht alpin sein. Und ich bevorzuge auch eher mitteleuropäisches Klima. Somit fiel auch die berühmte 1000 du Sud raus, auf der man sich durch die provencalischen Alpen quält.

Anders als in Deutschland üblich, konnte ich schon lange vor dem Start die Wegbeschreibung und einen präzisen GPS-Track auf der Homepage vom Audax Club Parisienne herunterladen, der mir die Vorbereitung sehr erleichterte. In Deutschland wird ja meist ein Geheimnis aus der bevorstehenden Strecke gemacht, das erst kurz vor dem Start gelüftet wird.

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Wie man das so in Deutschland als gut sozialisierter Randonneur macht, habe ich dann schon Wochen im Voraus mit dem Organisator per Email Kontakt aufgenommen. Allerdings auf Englisch, ich kann kein Französisch. Nach ein paar Wochen bekam ich dann eine Antwort, allerdings auf Französisch. Dieser Email konnte ich sinngemäß entnehmen: "Ich antworte Dir auf Französisch, weil ich kein Englisch spreche. Wenn Du beim Brevet mitfahren möchtest: wir treffen uns 30 Minuten vor Abfahrt auf dem Marktplatz vor dem Rathaus. Dort kannst Du die 5,-EUR Startgebühr bezahlen. Bon route!" Da bin ich ja mal gespannt!

Ich hatte noch nicht erwähnt, dass ich meine Brevetteilnahme auch familienfreundlich gestalten wollte. Meine Frau und zwei heranwachsende Jugendliche wollen ja auch was vom gemeinsamen Sommerurlaub haben. So haben wir erst eine Woche Campingurlaub in Paris gemacht und sind dann ein paar Tage vor dem Start nach Belfort gefahren. Meine Familie wollte dort dann etwas Aktivurlaub machen, während ich den Brevet fuhr.

<b>1. Tag</b>

Brevetstart war an einem Dienstag abend um 18 Uhr. Morgens bin ich auf dem Campingplatz von Belfort von Gérard angesprochen worden (auf Französisch, wie sonst?): Soviel konnte ich der Frage entnehmen: Er wollte wissen, ob ich auch den 1000er Brevet fahren wollte. Er hatte mein schwer mit Beleuchtung und Gepäckträger ausgerüstetes Rennrad gesehen und hatte entsprechende Schlüsse daraus gezogen. Auf mein bejahendes Kopfnicken (hatte ich schon erwähnt, dass ich kein Französisch kann?) freute er sich wie ein Schneekönig, einen ersten Mitfahrer gefunden zu haben.

Wir sind dann gemeinsam überpünktlich um 17:15 Uhr zum Rathaus gefahren. Gegen 17:30 tauchten dann erste weitere Rennradfahrer auf. Die ließen sich in 2 Gruppen einteilen:
1. ausgerüstet mit Beleuchtung und genauso umfangreichem Gepäck wie ich (2 Satteltaschen).
2. ohne Gepäck, nur mit einer Wasserflasche und etwas ausgebeulten Trikotaschen.

Oha, das müssen echte Hardcore-Randonneure sein, die sich so minimalistisch auf eine Fahrt in die Nacht begeben, von der ich wusste, dass man auf den kommenden über 250 km definitiv nichts vorfinden würde, um sich zwischendurch zu versorgen. Und da waren ja auch noch weitere 750 km mit teilweise prekärer Versorgungssituation. Denn so viel wusste ich aufgrund zahlreicher anderer Urlaube in der tiefen französischen Provinz: Nach 18 Uhr findet man dort keinen Laden und schon gar keine 24h-Tankstelle, an der man sich versorgen kann. Die Tankstellen sind entweder Anhängsel von Supermärkten (so es denn welche gibt auf dem Lande) oder von Reparaturwerkstätten. Jedenfalls habe ich auf der ganzen Tour keine einzige Tankstelle mit Lebensmittelverkauf gesehen, wie sie in Deutschland üblich sind.

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Einer der Fahrer gab sich dann als Organisator zu erkennen. Schnell waren die Anmeldeformalitäten erledigt. Ich durfte wie die anderen Teilnehmer meine "carte de route" selber ausfüllen.

Am Ende stellte sich heraus, dass wir nur 7 Starter waren. Die übrigen Rennradfahrer (die OHNE Gepäck) waren Vereinskameraden der 3 Starter vom ausrichtenden Verein "CycloTouriste Belfortain", die uns nur verabschieden und ein paar Meter aus der Stadt heraus begleiten wollten. Dann gab es noch einen Starter aus Colmar, einen weiteren, den ich aufgrund des neutralen Trikots nicht zuordnen konnte, dann Gerard und schließlich mich.

Pünktlich um 18 Uhr wurde dann gestartet. Für die ersten ca. 130 km blieb die Gruppe zusammen. Es wurde mit einem ausgesprochen verhaltenen Tempo gefahren. Ich hatte den Eindruck, dass die Gruppe ein sehr einheitliches Leistungsniveau hatte.

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Der allererste Halt kam dann nach 93 km gegen 21:30 Uhr. Es gab nicht mal eine Pinkelpause zwischendurch. Ich hatte aufgrund der langen bevorstehenden Nachtetappen schon 4 Flaschenhalter an meinem Rad montiert, aber aufgrund des milden Abends gingen die 3 Liter Flüssigkeit nach ca. 80 km langsam zur Neige und ich fragte mich, wie ich (und erst die anderen mit nur 2 Flaschen) die weitere Nacht durchstehen sollten. Aber der Organisator steuerte in dem kleinen Nest gezielt das Rathaus an, in dessen hinterer Hofecke sich versteckt ein "WC public" befand, das ich alleine nie gefunden hätte.

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Manchmal ist es eben besser, in der Gruppe zu fahren. Jemand drehte den Wasserhahn des Waschbeckens auf und spülte die lange Leitung erst mal einige Minuten lang. dann haben wir uns unsere Wasserflaschen aufgefüllt und weiter ging es in die anbrechende Dunkelheit. Ich war beruhigt, der neue Wasservorrat würde für die Nacht reichen.

Auf sehr langen Brevets habe ich es mir angewöhnt, zwischendurch kleine Berichte und Lebenszeichen auf Facebook zu posten, so dass Freunde und Familie ein wenig "mitleiden" können. Nachfolgend mal ungefiltert (blau) meine weiteren Eindrücke von der Tour, wie ich sie in Echtzeit auf FB gepostet habe (auf einem Mobiltelefon schreibt man keine Romane):

<b>2. Tag</b>

Unterwegs war das Profil sehr wellig, die Gruppe ist zerfallen. Ich war nur noch gemeinsam mit Gérard unterwegs. Wir haben nicht viel geredet (hatte ich schon erwähnt, dass ich kein Französisch kann?). Ich hätte etwas schneller sein können, aber ich wollte Gérard nachts nicht alleine zurück lassen. Die Nacht war überraschend kalt gewesen und ich war froh, dass ich noch eine 3/4 Hose und Wollsocken dabei hatte, die ich spät abends im Schatten einer kleinen Kapelle angezogen hatte. Dort fanden sich (auch aus aktuellem Anlass) viele Zeugnisse des 1. Weltkrieges, wie beispielsweise dieses etwas archaische Kriegerdenkmal:

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Den Kontrollort Tonnere erreichten wir gegen 6 Uhr morgens.

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Wo bekommt man so früh einen Stempel her? In Frankreich in einem Café, in dem schon reger Betrieb herrschte und wo wir uns erst mal einen Croissant und heiße Schokolade gönnten.

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7 Uhr per Facebook: 1. Kontrolle nach 269 km in Tonnerre erreicht, gemeinsam mit Gerald, der hier seinen 1. 1000er fährt. Insgesamt sind 7 Fahrer in Belfort gestartet. Bin jetzt ziemlich müde. Die nächste Gelegenheit für einen kurzen Schlaf ist meine!

Die Strecke zum 2. Kontrollort Avalon war extrem wellig. Immer wieder 100-250 Höhenmeter mit 7 % Steigung, nur um gleich danach in Schußfahrt ins nächste Tal zu rasen und die nächste Steigung anzugehen Kurz vor Avalon war Gérard hinter mir verschwunden. Weit und breit nicht zu sehen. Zurückfahren wollte ich aber auch nicht, denn der eine Croissant aus Tonnerre ist für 46 km zu wenig, wenn man schon die ganze Nacht gefahren ist. Erste Anzeichen eines Hungerastes stellten sich ein und in Avalon gibt es einen Supermarkt.

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11:30 Uhr per Facebook: 2. Kontrolle in Avalon nach insgesamt 315 km. Erst mal Grosseinkauf im Supermarkt. Als ich meine Kontrollkarte habe abstempeln lassen, hab ich noch eine Flasche Wasser und 6 Müsliriegel geschenkt bekommen. Überhaupt wird hier in Frankreich Amateurradsportlern größter Respekt von allen Seiten bezeugt. Selbst Autofahrer, die länger hinter uns herfahren mussten, weil ein Überholen nicht möglich war, haben nicht etwa ärgerlich gehupt, sondern nach dem Überholen die Warnblinkanlage aktiviert als Anerkennung und Ermunterung oder den Daumen gehoben!

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19:30 Uhr per Facebook: 3. Kontrolle nach insgesamt 400 km erreicht: Cosne sur Loire. Die 2. Und 3. Etappe waren heute extrem bergig bei ziemlich heißem Wetter. Das schlägt mir immer etwas auf den Magen. In Cosne habe ich mich erst mal mit Proviant für heute Nacht eingedeckt und meinen Zuckerspiegel mit 1/2 Liter Trinkjoghurt stabilisiert. Anschließend habe ich am Loireufer im Schatten auf meinem Schlafsack eine halbe Stunde geschlafen. Jetzt gönne ich mir noch eine Lasagne in einem kleinen Restaurant. Danach gehts weiter, 93km Richtung Süden nach St. Amand Montrond.

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Die Strecke nach St. Amond Montrond war eine der eintönigsten und gleichzeitig beeindruckendsten auf der Tour: ca. 80 km Flachetappe durch eine unglaublich eintönige Getreidesteppe. Teilweise verlief die einsame Straße über viele Kilometer schnurgeradeaus. Kein Baum, kein Strauch, nur Getreide auf riesigen, endlos wirkenden Flächen. Manchmal konnte man in der Ferne riesige Mähdrescher erahnen. Alle 20 km kam man durch einsame, kleine Dörfer, deren ganze Infrastruktur auf Agrarindustrie ausgerichtet war.

<b>3. Tag</b>

1:00 Uhr per Facebook: Aufgrund der späten Uhrzeit fasse ich mich mal kurz. 4. Kontrolle in St Amand Montrond erreicht. Mit fast 500 km jetzt fast die Hälfte geschafft. Will noch mal.30 min schlafen. Dann gehts weiter...

So spät gab es nichts, wo ich mir hätte einen Stempel abholen können. Stattdessen habe ich an einem Geldautomaten etwas Bargeld abgehoben und mir eine Quittung ausdrucken lassen. Danach eine ruhige Schlafstelle gesucht. Geschlafen habe ich im Schatten einer Säule des Rathauses. Eine halbe Stunde genügte.

8:30 Uhr per Facebook: Die 5. Kontrolle in Saint Pourcin sur Sioule war heute Morgen besonders nett. Auf der Fahrt in die Stadt hat mich eine Frau wegen des schwer ausgerüsteten Rennrades angesprochen. Sie ist die Vorsitzende des örtlichen Cyclotourist Clubs und hat mich auf ein Frühstück eingeladen in der Spedition in der sie arbeitet. Ihr Kollege ist Vorsitzender des regionalen Verbandes der Cyclotouristclubs. Dieses Jahr wird die Tour de France durch den Ort kommen.

Es war ein sehr hartes Stück Arbeit, hier anzukommen. Es ging immer nur 8-10 % rauf bis auf 500 Meter und anschließend gleich wieder runter, und dann folgte gleich die nächste Welle. Müde war ich auch und hab mich zwischendurch 3-4 Mal schlafen gelegt, wo gerade eine Parkbank zu finden war. Jetzt Verpflegung und Wasser einkaufen, dann gehts auf die nächste Etappe. Bin hart am Zeitlimit wegen der vielen Pausen und der extrem welligen und schlechten Straßen. Der extrem rauhe Asphalt bremst unglaublich.


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An dieser Stelle mal ein paar Worte zu den Straßen: Die Navigation in Frankreich ist extrem einfach. Orte und Städte sind verbunden durch ein Netz von Departementsstraßen. Alternativen dazu in Form von landwirtschaftlichen Wegen und Nebenstraßen wie in Deutschland gibt es in aller Regel nicht. Kleine Nebenstraßen enden fast immer als Sackgasse im Nirgendwo. Die Straßen sind eindeutig und vorbildlich nummeriert. So kommt man mit weniger als 2 Seiten Wegbeschreibung für 1000 km locker aus, ohne dass es zu Mißverständnissen führt! Zum Vergleich: Beim 600er vom Niederrhein waren es 11 Seiten Wegbeschreibung, weil jede Nebenstraße mitgenommen wird!

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Dafür muß man sich in Frankreich die Departementsstraßen aber auch mit allen anderen Verkehrsteilnehmern teilen. Auf unserer Tour gab es verschlafene, verschlungene Straßen zwischen kleinen Orten und Hauptverkehrsachsen, die ganze Regionen miteinander verbinden. Auf den Hauptverkehrsachsen gab es entsprechend viel Schwerlastverkehr, auch nachts. Kein Seitenstreifen, erst recht kein Radweg. Fast alle Departementsstraßen haben eines gemeinsam: extrem rauhen Asphalt mit hohem Rollwiderstand, der sicher 2-3 km/h kostet. Einmal konnte ich beobachten, wie der entsteht: Auf eine alte Fahrbahndecke wird flächig Gußasphalt gesprüht und anschließend zentimeterdicke, scharfkantige Splittbrocken gestreut, die dann gewalzt werden. Diese Art der Straßenerhaltung mag robust und kostengünstig sein, aber blöd für Radfahrer. Vor allem da, wo sie sich später wieder teilweise abgelöst hat.

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Zwischenzeitlich hatte ich auch die Nachricht erhalten: Gérard ist wieder auf dem Campingplatz eingetroffen. Er hatte tatsächlich auf der 3. Etappe aufgegeben und war mit dem Zug nach Belfort zurückgekehrt. Er hatte nur eine klassische 2-fach Kurbel mit 52-39 oder so ähnlich. Alle anderen Teilnehmer waren mit 3-fach Kurbel unterwegs. Er hatte für sich die Erkenntnis gewonnen, dass bei diesem welligen Profil dies nicht die richtige Ausrüstung sei, um mit seiner Kondition ins Ziel zu kommen und die Konsequenz daraus gezogen - Respekt. Aber halt auch schade, dass sein erster 1000er an dieser Fehleinschätzung scheiterte.

13:00 Uhr per Facebook: 6. Kontrolle in Bourbon-Lancy (km 647) erreicht, ein berühmtes Thermalbad an der Loire. Zeitpolster aktuell 1 h 22 min, bis diese Kontrolle geschlossen wird. Zum Glück war diese Etappe ziemlich flach und bot Abwechselung fürs Auge. Die nächste Etappe über 132 km nach Louhans enthält ein paar nennenswerte Berge. Über die lange Distanz kann ich hoffentlich etwas Zeit wieder gut machen. Es ist allerdings ziemlich heiß draussen.

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Die anschließende Etappe war wieder von 2 fordernden Höhenzügen geprägt, die überwunden werden mussten. Und das bei der Hitze. Bislang tagsüber immer mehr als 30°C und strahlend blauer Himmel mit entsprechender Sonneneinstrahlung! Als ich den Fuß des letzten Höhenzuges vor dem Flusstal der Saone und der weiten Bresse-Ebene erreicht hatte, wünschte mir ein Passant von weitem: "Bon Courage!" Eine Kehre weiter baute sich vor mir eine Wand auf, die mit 750 km in den Beinen und einem voll beladenen Rennrad unüberwindlich schien. Mit wirklich allerletzter Kraft und der Aussicht, dass es anschließend ca. 100 km Flachetappe geben würde, habe ich mich da hoch gequält.

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<b>4. Tag</b>

1:00 Uhr per Facebook: Vor einer halben Stunde Louhans (7. Kontrolle bei km 779) erreicht. Zwischenzeitlich habe ich ein gemütliches Plätzchen auf einem Campingplatz für das obligatorische kurze Schläfchen.

Der Campingplatz war der komfortabelste Schlafplatz auf der ganzen Tour. Ich hatte natürlich kein Zelt und ich war auch nicht angemeldet. Auf der Veranda vor der Rezeption habe ich mir 2 Gartenstühle geschnappt und zusammengestellt. Außerdem gab es richtige Toiletten und fließend Wasser im Badehaus. Welches EC-Kartenhotel bietet schon solchen Komfort! Nach 1h Schlaf ging es weiter.

6:30 Uhr per Facebook: 8. Kontrolle in St. Jean de Losne bei km 845 erreicht. Die letzte Etappe war super flach durch die Bresse-Ebene. Jetzt geht es zurück nach Belfort (ca. 158 km) mit vielen Hügeln und Wellen.

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Auf dieser letzten Etappe bekam ich ein ganz massives Sitzproblem. Woran es gelegen hat, weiß ich nicht genau, vielleicht zu viel Hitze, Schweiß und grober Asphalt, vielleicht die falsche Creme. Die letzten 40 km habe ich mich im Wiegetritt ins Ziel geschleppt. Viel mehr ist von dieser letzten Etappe nicht mehr hängen geblieben.

13:30 Uhr: Ankunft auf dem Marktplatz von Belfort, letzter Kontrollstempel und kalte Cola. 67 h 30 min, 1.003 km, ca. 10.000 hm. Anschließend habe ich die "carte de route" im Briefkasten vom Rathaus eingeworfen und mich auf den Heimweg zum Campingplatz gemacht, wo die erste Dusche nach 3 Tagen und Nächten auf mich wartete.

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Später am Nachmittag per Facebook: Ich bin seit ca. 14 Uhr wieder zurück in Belford. Damit habe ich das Ziel der 9. und letzten Kontrolle innerhalb der Zeitvorgabe erreicht. Euphorie und Freude stellen sich erfahrungsgemäß erst später ein. Im Augenblick bin ich erst mal nur dankbar, dass es doch noch geklappt hat. Auf den letzten 150 km hatte sich ein Problem eingestellt, dass ich so noch nie erlebt habe: dass der Hintern bei einer solchen Strecke mal eine wunde Stelle bekommt, ist ja noch normal. Aber die Sitzcreme hatte diesmal die entgegengesetzte Wirkung: statt die Haut zu beruhigen und Schmerzen zu lindern, trat das genaue Gegenteil ein. Einzelheiten erspare ich mir hier einmal. Noch eine saubere, nicht kontaminierte Hose hatte ich nicht mehr. Alle aufgebraucht in den 3 Tagen. Ich habe dann bei der am wenigsten genutzten Hose mit etwas Wasser und Taschentüchern so weit wie möglich die Creme entfernt und ein paar Taschentücher zwischen Sitzpolster und Haut gepackt. Das brachte zumindest etwas Linderung. Die letzten 40 km war Sitzen aber dennoch unmöglich. Die bin ich dann komplett im Wiegetritt gefahren. Das ganze letzte Teilstück war geprägt von diesem Problem und ich war nur darauf fixiert, irgendwie anzukommen - schade, weil es eigentlich einer der schöneren Abschnitte war. Randonneur Janibal hat mal geschrieben: "100 km gehen immer". Daran habe ich mich festgehalten! Danke!

Zusammengefasst: Dies war der schwerste und extremste Brevet, den ich bislang gefahren bin und hinsichtlich meiner persönlichen Leistungsfähigkeit hat er mir meine derzeitigen körperlichen, aber vor allem meine mentalen Grenzen aufgezeigt. Zu den 1.000 km kamen:
* ca. 10.000 Höhenmeter,
* tagsüber Gluthitze und Sonneneinstrahlung ohne Ende (grosses Kompliment an das Aldi Sonnenschutzspray LSF 30),
* nachts eisige Kälte (vor allem in der ersten Nacht in den Bergen),
* streckenweise unglaublich eintönige Landschaften (z. B. flache Getreidesteppe über fast 100 km),
* extrem rauher und holperiger Asphalt (Standard auf französischen Departementsstraßen)
* viele knackige Anstiege. Und wenn man meinte, man habe den Berg bezwungen, kamen oft noch einige fiese Wellen oder steilere Anstiege hinterher.
Aber allen Widrigkeiten zum Trotz: Ich bin glücklich und dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Ich habe auch unglaublich viele landschaftlich sehr schöne Gegenden erlebt und durch den Sport viele sehr nette Menschen kennengelernt. Während in Deutschland der Langstrecken-(Randonneur-) Radsport weitgehend unbekannt ist, erfährt man hier in Frankreich unterwegs unglaublich viel Anerkennung, Respekt und ungefragt Unterstützung und Einladungen.

Dank an Alle, die mir dieses echte Abenteuer ermöglicht haben, besonders an Stephanie!


Zwischenzeitlich ist der Brevet auch homologisiert worden. aVon 7 Teilnehmern haben 5 gefinisht:
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pivo
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Exploit! Chapeau!

Beitragvon pivo » 07.08.2014, 06:59

Danke für den schönen Bericht! Weckt die Vorfreude auf nächstes Jahr...
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Angelboot

Beitragvon Angelboot » 14.08.2014, 16:33

Hallo Chris,
bin beim Lesen deines Berichts gerade so quasi mitgefahren. Toll geschrieben. Frankreich!! Da ist doch im nächsten Jahr, genau, P-B-P.

Wir sehen uns im Dress von ARA Deutschland.

Hans-Hermann
eggeling
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1000er Brevet - So´n Bericht lockt an!

Beitragvon eggeling » 14.08.2014, 17:05

chris hat geschrieben:Die letzten 40 km habe ich mich im Wiegetritt ins Ziel geschleppt.
40 km im Wiegeschritt nach der Strecke, du lieber Himmel, was machen da die Oberschenkel???

Ein toller Bericht, der erste, der mich neugierig macht, mal eine Nacht hindurch zu fahren, um überhaupt zu erfahren, ob Langstrecke etwas für mich wäre. Vielen Dank dafür und viel Glück/Bonne Chance im nächsten Jahr bei P-B-P!
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Stauder Volker
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Beitragvon Stauder Volker » 15.08.2014, 13:11

Chris, Gratulation von meiner Seite zu Deinem ausführlichen Bericht. Die große Anteilnahme der Bevölkerung vor Ort, die Landschaft und viele positive Eindrücke.

Man fühlt sich als Begleiter Deines Brevet und es verleitet einen, auch selbst diesen Brevet zu fahren. :)
Im Vordergrund steht der Spaß und das Team
Blueberry
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Beitragvon Blueberry » 22.08.2014, 10:17

Gratulation und danke für den schönen Bericht!

Auf der einen Seite ist es immer wieder schön zu erleben, wie mit uns Radfahrern in Frankreich und Italien umgegangen wird... von den Autofahrern wird man nicht als Feind betrachtet (so sie denn keine Touries aus Deutschland sind...), die Leute rufen einem freundliche Worte zu und so weiter... aber leider wird man dann, wenn man wieder hier in D ist, ganz schnell auf den harten und kalten Boden der Realität (was den Umgang mit Radfahrern angeht) zurück geholt... und man sehnt sich prompt wieder zurück auf den rauen französischen Asphalt....

Weiterhin alles Gute für deine langen Strecken... vor allem für das nöchste Jahr.

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