London Edinburgh London '13 (Bericht + Bilder)

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Speedmanager
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London Edinburgh London '13 (Bericht + Bilder)

Beitragvon Speedmanager » 09.08.2013, 22:32

Pendeltour zwischen zwei Hauptstädten ... oder auch:
Reise durch britische Schulkantinen und Turnhallen zur Ferienzeit
aka LEL 2013


Donnerstag ließ ich mich in aller Frühe zum Bahnhof in Soltau bringen. Mit allem Gepäck, Rucksack, Zelt und Schlafsack konnte ich mein Rad zwar so gerade noch schieben, aber an Fahren war nicht zu denken. Mit der Bimmelbahn ging es dann nach Langenhagen, wo mich Andreas aus Berlin aufgabelte. Rad und Gepäck waren schnell verstaut und es ging weiter zur Fähre nach Dünkirchen.

<a href="http://fotos.rennrad-news.de/p/314833" title="Dünkirchen4" ><img src="http://fstatic1.rennrad-news.de/f/vh/o9 ... hen4.JPG?0" class="fotoalbumLikeable" data-photo-id="314833" /></a>

Dort dann nach Dover übergesetzt und weiter nach Loughton, wo er mich auf dem gebuchten Zeltplatz, auf dem ein ganzes Areal für die LEL-Teilnehmer reserviert war, absetzte.

<a href="http://fotos.rennrad-news.de/p/314834" title="JD500587" ><img src="http://fstatic1.rennrad-news.de/f/pc/t9 ... 0587.JPG?0" class="fotoalbumLikeable" data-photo-id="314834" /></a>

Am Donnerstag Abend hatte ich noch freie Auswahl und so steckte ich mir einen Claim ab, der nur morgens der Sonne ausgesetzt war; sollte ja warm werden. ;)

Den Freitag verbrachte ich mit der Erkundung der Gegend (Café, das ein ordentliches englisches Frühstück serviert, Chinese Take-Away, Pub :)), ein wenig Lesen und Gesprächen mit den mittlerweile immer zahlreicher werdenden Teilnehmern.

Samstag dann die Registrierung. In den Berichten über die letzte Ausrichtung 2009 war von langen Schlangen die Rede, weshalb ich mich auch auf einen längeren Aufenthalt einrichtete. Aber nichts davon, keine Schlange und, Schwuppdiwupp, hatte ich mein Beutelchen mit den Startnummern, Dropbag-Nummern und einigem Kleinkram. Damit dann zur Dropbag-Abgabe, die vorbereiteten Wechselsachen und Notfallersatzteile in die offiziellen Dropbags umgefüllt und abgegeben, dann weiter zur Trikotausgabe und das vorbestellte Veranstaltungstrikot abgeholt.

Die Organisation war wirklich extrem gut aufgestellt und so blieb wieder reichlich Zeit für Kaffee und Klönschnack. Zumal auch aus diversen deutschsprachigen Radforen etliche mehr oder weniger bekannte Gesichter vor Ort waren.

Am Sonntag war dann schon früh Leben auf dem Zeltplatz, weil etliche Randonneure den Prolog vor dem Buckingham Palace fahren wollten. Ich nicht, ich trollte mich stattdessen etwas später zum gemeinsamen Frühstück vor dem Start. Da ich mit 9.30 Uhr einen relativ späten Starttermin hatte, konnte ich doch noch einige Bekannte auf die Strecke verabschieden, z. B. Bernd und Helle mit ihrem Tandem.

<a href="http://fotos.rennrad-news.de/p/314836" title="JD500595" ><img src="http://fstatic1.rennrad-news.de/f/79/sk ... 0595.JPG?0" class="fotoalbumLikeable" data-photo-id="314836" /></a>

Aber auch für mich wurde es letztendlich Zeit. Da mein oberstes Ziel war, dieses Mal ganz bestimmt zu finishen, hatte ich paranoider Weise doch einiges an Ausrüstung und Notfallequipment auf zwei Packtaschen verteilt. Zelt und Schlafsack hatte ich dann aber doch auf dem Campingplatz gelassen. ;)

<a href="http://fotos.rennrad-news.de/p/314837" title="JD500596" ><img src="http://fstatic1.rennrad-news.de/f/sd/jx ... 0596.JPG?0" class="fotoalbumLikeable" data-photo-id="314837" /></a>

Und dann ging es auch schon los zur ersten Kontrollstelle. Die Strecke war leicht hügelig, aber der Wind drückte von hinten und so war die längste Etappe dieses Superbrevets nach gut 3 ¼ Stunden bewältigt. In St. Ives gab es dann erstmals Vollverpflegung mit Auswahl aus mehreren Gerichten, allerdings war es noch etwas voll. Deshalb verzichtete ich auf den Nachtisch ;) und steckte mir nur ein paar Riegel ein.

Auf dem Weg nach Kirton traf ich dann auf Morten mit seinem High Racer und wir fuhren fortan zusammen weiter. Die Gegend war mittlerweile komplett flach und es ging kilometerweit entlang eines Kanals durch eine marschähnliche Landschaft.

<a href="http://fotos.rennrad-news.de/p/314840" title="JD500599" ><img src="http://fstatic1.rennrad-news.de/f/hh/fm ... 0599.JPG?0" class="fotoalbumLikeable" data-photo-id="314840" /></a>

Morten traf auch immer wieder auf Bekanntschaften aus der Liegeradszene, mit denen er dann einen kleinen Plausch hielt.

<a href="http://fotos.rennrad-news.de/p/314839" title="JD500598" ><img src="http://fstatic1.rennrad-news.de/f/dx/f1 ... 0598.JPG?0" class="fotoalbumLikeable" data-photo-id="314839" /></a>

In Kirton gab es dann lange Schlangen vor der Essensausgabe; durch den heftigen Rückenwind war die Mehrzahl der Randonneure zu früh eingetroffen und hatte die Freiwilligen-Crew etwas unvorbereitet getroffen.

<a href="http://fotos.rennrad-news.de/p/314838" title="JD500597" ><img src="http://fstatic1.rennrad-news.de/f/xw/m8 ... 0597.JPG?0" class="fotoalbumLikeable" data-photo-id="314838" /></a>

Ich schlug deshalb vor, gleich nach Market Rasen weiterzufahren. Waren ja nur 68 km. Unterwegs trafen wir allerdings auf einen Trupp, der ordentlich Tempo machte. Ich ließ mich dazu verleiten, mitzuziehen und Morten folgte. Seine Zwischenfrage, ob es denn Sinn mache, so früh in einem Superbrevet schon Tempo zu machen, konnte ich nur mit einem „Nein, nicht wirklich“ beantworten, und so ließen wir die wilde Horde wieder ziehen. Allerdings mussten wir wegen der ausgelassenen Verpflegungsstelle dann noch einen kurzen Stopp einlegen, um die mitgenommene Notfallverpflegung zu verzehren. Aber wir lagen ja gut in der Zeit und dann ging es weiter über heckenbesäumte Sträßchen Richtung Market Rasen.

<a href="http://fotos.rennrad-news.de/p/314841" title="JD500600" ><img src="http://fstatic1.rennrad-news.de/f/65/ip ... 0600.JPG?0" class="fotoalbumLikeable" data-photo-id="314841" /></a>

Dort trafen wir auch wieder auf Bernd und Helle, die Probleme mit dem vorderen Tretlager ihres Tandems hatten. Obwohl es auch in Market Rasen eine etwas längere Schlange an der Essensausgabe gab, mussten wir uns hier dann allerdings doch verpflegen. Da es als Notfallproviant für unterwegs allerdings keine Riegel gab, packte ich mir ein paar Yorkshire-Pudding in ein Plastiktütchen.

Ich wollte unbedingt noch versuchen, vor Einbruch der Dunkelheit den River Humber und die Humberbridge zu erreichen. Deshalb verabschiedete ich mich von den anderen und gab noch einmal ein wenig Gas. Allerdings war ich dann doch etwas zu spät, so dass ich den Ausblick von der Brücke nicht mehr genießen konnte.

<a href="http://fotos.rennrad-news.de/p/314842" title="JD500604" ><img src="http://fstatic1.rennrad-news.de/f/4i/jw ... 0604.JPG?0" class="fotoalbumLikeable" data-photo-id="314842" /></a>

Sibi aus dem Rennrad-News Forum hatte da mehr Glück und hat dort ein paar schöne Bilder eingestellt:

<a href="http://fotos.rennrad-news.de/p/314487" title="12 HumberBridge" ><img src="http://fstatic1.rennrad-news.de/f/pg/yx ... idge.JPG?0" class="fotoalbumLikeable" data-photo-id="314487" /></a><a href="http://fotos.rennrad-news.de/p/314488" title="14 RiverHumber" ><img src="http://fstatic1.rennrad-news.de/f/rc/tc ... mber.JPG?0" class="fotoalbumLikeable" data-photo-id="314488" /></a>

Mittlerweile freute ich mich schon darauf, an der nächsten Kontrolle erstmals die Hose wechseln zu dürfen, und so traf ich frohen Mutes kurz nach Mitternacht in Pocklington ein. Doch beim Absteigen fiel dann der Gepäckträger mit meinen beiden Packtaschen nach hinten weg :o – der Halter zum Rahmen war gebrochen. Meine Anfrage nach einem Schraubstock und einer Bohrmaschine, um den gebrochenen Halter mit einer neuen Aufnahme zu versehen, wurde abschlägig beschieden, da derlei Werkzeug leider nicht vor Ort war. Nichtsdestotrotz fand sich jemand, der mittels „Heavy Duty Cable ties“ (Schwerlastkabelbinder :D) und etwas Gaffer-Tape mein angeschlagenes Gefährt wieder gefechtsklar („battleworthy“) bekam.

<a href="http://fotos.rennrad-news.de/p/314847" title="JD500613" ><img src="http://fstatic1.rennrad-news.de/f/ji/xd ... 0613.JPG?0" class="fotoalbumLikeable" data-photo-id="314847" /></a>

Und die Feuertaufe durfte diese Notlösung dann auch gleich auf der nächsten Etappe bestehen, denn die Straßen wurden beständig schlechter.
In Höhe Castle Howard war dann eine kilometerlange Gerade mit extrem schlecht laufenden Belag zu bewältigen. Bei Tageslicht aufgrund der optischen Unterbrechungen (Denkmal, Tordurchfahrt, Obelisk) vielleicht noch erträglich, war es nächtens doch schon ziemlich demotivierend. Aber es ging noch „besser“: Denn danach ging es auf eine schlaglochübersäte Betonstraße, auf die zudem noch durch vorangegangene Regenfälle jede Menge Sand und Geröll gespült worden war. Hier musste ich an die Velomobilfahrer denken, die mit ihren Mehrspurern kaum eine Möglichkeit hatten, den ganzen Schlaglöchern auch nur halbwegs auszuweichen. Dazu kam dann noch ein Geländeprofil, dass zwischen steilen Abfahrten und Anstiegen wechselte. Unten in der Senke konnte ich dann durch die Hell-/Dunkelgrenze meines Cyo nicht erkennen, wie es mit der Schlaglochverteilung im Gegenanstieg weiterging, so dass ich ohne Schwung diesen Anstieg wieder hochwuchten musste. Glücklicherweise gab meine Übersetzung das her, aber ein schöner Chinaböller als Helmlampe wäre eine Riesenhilfe gewesen. Nächstes Mal.

Als Ausgleich dafür gab es dann in Thirsk das (meiner Meinung nach) leckerste Essen von allen Kontrollstellen, hier musste ich gleich mehrmals zuschlagen. Frisch gestärkt ging es dann weiter nach Barnard Castle, wo ich meine Dropbags deponiert hatte. Dort also schön geduscht, neue Klamotten angezogen und die Regenjacke an Bord genommen (ich hatte beschlossen, dass es dieses Jahr nur auf der Runde durch Schottland zu regnen hat ;)).

<a href="http://fotos.rennrad-news.de/p/314843" title="JD500607" ><img src="http://fstatic1.rennrad-news.de/f/0t/jy ... 0607.JPG?0" class="fotoalbumLikeable" data-photo-id="314843" /></a>

Trotzdem noch einen kleinen Schauer abgewartet und dann ging es weiter Richtung Brampton, über das „Dach“ dieses Brevets, Yad Moss. Meine viel zu schweren Packtaschen zogen mich zwar etwas nach unten ;),

<a href="http://fotos.rennrad-news.de/p/314846" title="JD500612" ><img src="http://fstatic1.rennrad-news.de/f/hd/2v ... 0612.JPG?0" class="fotoalbumLikeable" data-photo-id="314846" /></a>

aber trotzdem war die Aussicht überwältigend. Dazu noch das Geblöke der allgegenwärtigen Schafe – Herrlich. :)

<a href="http://fotos.rennrad-news.de/p/314845" title="JD500610" ><img src="http://fstatic1.rennrad-news.de/f/l0/f4 ... 0610.JPG?0" class="fotoalbumLikeable" data-photo-id="314845" /></a><a href="http://fotos.rennrad-news.de/p/314844" title="JD500608" ><img src="http://fstatic1.rennrad-news.de/f/qo/gi ... 0608.JPG?0" class="fotoalbumLikeable" data-photo-id="314844" /></a>

Zum Abschluss der Abfahrt gab es dann noch mal richtig ekeliges Kopfsteinpflaster, danach hatte ich dann auch genügend Vertrauen in die Notreparatur meines Gepäckträgers gefasst.

Nachdem ich mich in Brampton ausgiebig gestärkt hatte, beschloss ich, mich dort auch eine halbe Stunde aufs Ohr zu legen – insbesondere, weil am frühen Nachmittag alles frei war. Dieser Halbstundenschlaf fühlte sich enorm richtig an – kurz genug, um nicht erst in Traumphasen zu geraten und doch lang genug für ein wenig Erholung. Also wollte ich auch die künftigen Schlafpausen auf eine halbe Stunde beschränken.

Weiter ging es Richtung Moffat. Das war eine widerliche Etappe. Eine Schnellstraße neben der Autobahn. Trotzdem kein ordentlicher Straßenbelag, dafür stellenweise ein nicht wirklich befahrbarer Schutzstreifen. Hat keinen Spaß gemacht und jeder war froh, diesen Streckenteil hinter sich zu haben, mehr noch als bei den Schlaglochfeldwegen. Dafür waren Kaffee und Linsensuppe in Moffat allerbest. :)

Hinter Moffat gab es wieder einen etwas längeren Anstieg mit einer schönen Aussicht. :)

<a href="http://fotos.rennrad-news.de/p/314848" title="Moffat-Edinburgh 1" ><img src="http://fstatic1.rennrad-news.de/f/s3/3k ... gh_1.jpg?0" class="fotoalbumLikeable" data-photo-id="314848" /></a>

Danach zog sich die Straße in Wellen dahin; kurze aber heftige Schauer sorgten für schnellen Bekleidungswechsel und bei kurzen Stopps stürzten sich Scharen von Mücken auf den leichtsinnigen Randonneur. ;) Mittlerweile fing mein Garmin an, mich zu ärgern: Solange es vom e-Werk versorgt wurde, war alles ok. Bei kurzen Stopps meinte es allerdings, dass die Akkus nicht mehr ausreichend geladen wären und schaltete ab, nicht immer, aber immer öfter. Auch mit den Akkus aus dem Fotoapparat gab es sich nicht zufrieden. Naja, und meine Sitzprobleme wurden deutlicher.

In Edinburgh wollte ich noch eine halbe Stunde schlafen, aber der freundliche Weckdienst wollte nur zu jeder vollen Stunde ausrücken, und so schlief ich doch etwas länger. Fühlte sich aber nicht ganz so gut an, ich nahm ich mir vor, bei der halben Stunde zu bleiben. Kurz nach Mitternacht begab ich mich also wieder in den Aufstieg in die Lowlands, den Ausblick auf das Lichtermeer Edinburghs hinter mich lassend. Dann war ich von den Schemen dunkler Hügel umgeben, manchmal plätscherte ein Gebirgsbach, aber ansonsten war es friedlich und ruhig.

Einmal überholte mich eine schnellere Gruppe, aber ich wollte mein Tempo weiterfahren und so machte ich keinerlei Anstalten, mich dranzuhängen. Gegen 3.00 Uhr erreichte ich die Kontrolle in Traquair. Diese war im Gegensatz zu den anderen Kontrollen keine Schule, sondern eine Art Dorfgemeinschaftshaus. Und so passierte etwas, was in den Schulen wohl für einen Eklat gesorgt hätte: Es gab einen Single Malt Whiskey zur Begrüssung :o. Dazu eine Art Hochzeitstorte, allerdings mit anderen Verzierungen – wie z. B. nur noch 670 km zu fahren. :D

Nach relativ kurzer Verpflegungspause fuhr ich dann weiter Richtung Eskdalemuir. Es wurde dunstig, fast neblig, und entsprechend kühl. So freute ich mich, als ich die Kontrolle erreichte und wieder ein wenig warme Suppe löffeln konnte. Dann weiter nach Brampton, das als erste Kontrolle sowohl North- als auch Southbound anzufahren war. Der Track warnte noch vor einer schlechten Wegstrecke, war auch wirklich nicht schön, hatten wir aber auf diesem Brevet auch schon schlimmer erlebt.

Da in Brampton der Schlafsaal so schön leer war, überlegte ich kurz, wieder ein kleines Nickerchen einzulegen, verschob das dann allerdings lieber auf die nächste Station. Schließlich war ich zum Radfahren und nicht zum Pennen gekommen. ;) Überhaupt war wieder einmal mein Sitzfleisch zum Hauptproblem geworden. Wegen dieser Sitzprobleme war ich auch mehr im Stehen gefahren, wodurch auch die Knie, Fußgelenke und Füße Probleme bekamen. Aber noch war es auszuhalten und in Barnard Castle warteten frische Hosen auf mich. Davor galt es jedoch, noch einmal Yad Moss zu überqueren. Und aus dieser Richtung war das ekelige Kopfsteinpflaster als Anstieg zu nehmen. Zum Glück war es trocken, und ich kam so gerade noch den Anstieg hoch, ich glaube, nass hätte das Hinterrad durchgedreht.

Aber auch dieses zweite Mal war es hier einfach wunderschön. Und dann die Schafe. Man muss sie einfach gern haben: Ich ächzte langsam, aber stetig den Berg hoch – es stellte sich ein Schaf auf die Straße und sah mir von weitem dabei zu. Ich astete weiter – ein zweites Schaf gesellte sich dazu. Uff, ächz – noch ein drittes. Plötzlich fiel den Dreien ein, dass es mal an der Zeit sei, Panik zu bekommen. Sie rannten in alle Richtungen auseinander, drehten an Zaun und Graben plötzlich um und liefen wieder in die Gegenrichtung. Zum Glück war ich dann doch noch weit genug weg, dass ich nicht rein zufällig dabei umgerannt wurde. ;)

In Barnard Castle habe ich mich dann erst einmal eine halbe Stunde aufs Ohr gelegt, anschließend geduscht und neue Klamotten angezogen sowie meine letzte frische Ersatzhose in die Packtasche sowie die Regenjacke wieder heraus gelegt. Auf der Strecke nach Thirsk wurde mir allerdings klar, dass einfach nur eine neue Hose nicht ausreichend sein würde. Also zog ich meine beiden dick gepolsterten Hosen übereinander an. So war es dann auch wieder auszuhalten und ich konnte wieder mehr im Sitzen fahren, was Knie- und Fußgelenke zu schätzen wussten.

In Thirsk konnte ich mich wiederum kaum von der Essensausgabe lösen, dass Angebot war einfach zu lecker. Aber die Zeit drängte, schließlich wusste ich, dass der kommende Abschnitt im Dunklen schwer zu fahren war und so setzte ich mich Richtung Pocklington in Bewegung. Die übelsten Abschnitte konnte ich so auch gerade noch im Hellen hinter mich bringen und gegen Mitternacht traf ich wieder in Pocklington ein. Ich merkte recht deutlich, dass ich hier eigentlich wieder eine kleine Schlafpause einlegen sollte, da aber der Schlafsaal ein wenig von der Kontrolle entfernt war, verschob ich diese und setzte mich Richtung Market Rasen in Bewegung.

Die Humberbridge erreichte ich wieder bei völliger Dunkelheit, und weil die Zufahrt zur Brücke so gänzlich anders als auf der Hinfahrt war, hatte ich echte Schwierigkeiten, diese zu finden. Irgendwie habe ich dem Track nicht geglaubt, hätte ich ihn einfach nur abgefahren, wäre es kein Problem gewesen. Allerdings hatte ich auf dieser Etappe auch mit Müdigkeit zu kämpfen und war mehrmals versucht, mich einfach mal auf einer Bank schlafen zu legen. Letztendlich erreichte ich aber doch Market Rasen und legte mich erst einmal eine halbe Stunde hin. Die Schlafpause kam allerdings eine Station zu spät, und so bin ich erst einmal etwas „durch den Wind“. Die Küche war auch noch nicht einsatzbereit und deshalb brach ich Richtung Kirton auf.

Der Track nach Kirton war derselbe wie auf der Hinfahrt, und doch kam mir die Gegend völlig anders vor. Als würde ich sie kennen, wäre aber noch nie da gewesen. So ähnlich wie bei einem Deja Vu. In Kirton habe ich mich dann erst einmal anständig versorgt. Und entgegen der ursprünglichen Planung noch einmal eine halbe Stunde hingelegt, da mir niemand sagen konnte, ob es in St.Ives Schlafplätze geben würde.

Zu meinen allgegenwärtigen Problemen mit Sitzfleisch, Knien, Füßen und Garmin gesellte sich nun auch noch ein weiteres Problem: Ich war nicht mehr in der Lage, den Kopf hoch zu halten. Nicht aus Müdigkeit – die Muskeln wollten einfach nicht mehr. Ich war versucht, den Helm abzusetzen, letztendlich habe ich aber den Kopf mit der linken Hand hochgehalten (wobei ich mich meistens im Auflieger abgestützt habe – muss sehr gelangweilt ausgesehen haben).

Auch in St.Ives habe ich mich nach der Verpflegung noch einmal hingelegt, dieses Mal allerdings nur für eine viertel Stunde, denn eigentlich hatte ich allmählich genug und wollte es einfach nur noch hinter mich bringen. Die übliche Aufmunterung - „Ich fahre gerne Rad“ - funktionierte irgendwie nicht mehr. Also kurbelte ich langsam, aber stetig immer weiter, geistig längst auf Sparflamme. Und dann geriet ich doch wieder in eine Landschaft, die mich plötzlich wieder aufweckte. Nach einem kleinen Waldstück stand ich nämlich inmitten riesiger Getreidefelder.

<a href="http://fotos.rennrad-news.de/p/314849" title="P310713 21" ><img src="http://fstatic1.rennrad-news.de/f/60/42 ... 8_01.jpg?0" class="fotoalbumLikeable" data-photo-id="314849" /></a>

Das war doch ziemlich beeindruckend. Und gerade noch rechtzeitig, denn meine Mitfahrgelegenheit Andreas, der einen Tag später hier vorbei kam, wusste nur von den Staubwolken der Mähdrescher zu berichten. :)

Nun ja, es war jedenfalls längst wieder dunkel, als ich die Kontrolle in Great Easton erreichte. Hier gönnte ich mir noch eine Ofenkartoffel und die von mir so sehr geliebten Bohnen in Tomatensoße, man konnte ja nicht wissen, ob es im Ziel noch etwas geben würde.

Die letzten Kilometer nach Loughton glichen vom Geländeprofil wieder der Gegend um Thirsk. Auf der Bremse musste ich zu Tal fahren, um dann wieder mühsam den Gegenanstieg hochzukurbeln, da ich ja leider kein Flutlicht für eine flüssige Fahrweise dabei hatte. Irgendwann dämmerte es mir allerdings, dass das keine Schikane des Veranstalters sondern meine eigene Dummheit war. Der Veranstalter hatte nämlich für die letzte Etappe eine Tag- und eine Nachtstrecke ausgearbeitet – und ich Trottel war natürlich nachts auf der Tagstrecke unterwegs.

Aber egal, so kurz vor dem Ziel kam es mir, ehrlich gesagt, nicht mehr darauf an, ob ich nun noch eine Stunde mehr oder weniger unterwegs war. Und so kam ich dann gegen halb Zwei Uhr nachts in Loughton an. Ich hatte erwartet, dass ich froh, glücklich, stolz oder was auch immer sein würde, aber ich war einfach nur leer.

Nach mittlerweile mehr als einer Woche stellt sich allmählich ein Gefühl des Stolzes, es geschafft zu haben, ein. Der Schorf auf der Sitzfläche ist abgeheilt, Knie und Fußgelenke tun wieder ihren Dienst, nur die Fußsohlen kribbeln noch deutlich. Einen erneuten Versuch über eine ähnliche Distanz werde ich sicherlich nur noch liegend angehen. Aber am meisten fehlt mir der Mensch, mit dem ich das Erlebte am liebsten besprechen würde.
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harald_legner
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Beitragvon harald_legner » 10.08.2013, 00:28

Beeindruckend! Ich wünsche dir, dass die Beeinträchtigungen bald verschwunden sind und im Gegenzug der Stolz über das Geleistete anschwillt!

Ich bin immer wieder erstaunt, wie detailliert viele Leute immer über solche langen Touren berichten können. Ich vergesse immer ziemlich schnell oder verwechsele Dinge. Ich wüsste wahrscheinlich nicht mehr, welche Kontrolle wie ausgestattet war ...
[hl]
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Beitragvon Heimfelder Dirk » 10.08.2013, 05:02

Lebendiger und ehrlicher Bericht Bericht von Speedmanager, der hier seine Seele offen legt.

Ganz großer :Respekt: und :Hutab:
:gruss: Dirk
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Beitragvon Guzzi » 10.08.2013, 11:39

Hallo Günther,

toller Bericht, da hat man richtig mitgefühlt.

Irgendwie kommt mir jetzt der Kieler 1000er Brevet durch Dänemark wie ein Kindergeburtstag vor, wenn ich es mit den Berichten über LEL vergleiche. Es war glaube ich von mir eine richtige Entscheidung, dieses Jahr LEL noch nicht anzugehen.

Gruß Hartmut
Angelboot

Beitragvon Angelboot » 10.08.2013, 20:12

Hallo Günther, ein toller Bericht. Beim Lesen bin ich im Geiste mitgefahren.

Die Höhen und Tiefen einer Langdistanz liegen so dicht nebeneinander. Das ist aber auch der besondere Reiz. Diese Fahrten sind aus meiner Sicht, eines der letzten kalkulierbaren Abenteuer. Du hast dieses Abenteuer erfolgreich überstanden. Natürlich mit Schmerzen, mit kleinen Wehwehchen. Du hast mentale Stärke bewiesen. Sei stolz.

Ob auf dem Sattel oder etwas tiefer im Lieger, da geht doch noch eine neue Herausforderung. Ich bin schon fix am überlegen, wo ich 2014 mein Erlebnis suche. Usbekistan? Werden schon etwas finden.
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Beitragvon Speedmanager » 10.08.2013, 21:23

Angelboot hat geschrieben:Ich bin schon fix am überlegen, wo ich 2014 mein Erlebnis suche. Usbekistan? Werden schon etwas finden.
Hallo Hans-Hermann, für mich wird es nächstes Jahr ziemlich sicher HBK sein. Und ich bedanke mich schon jetzt bei den Freiwilligen, die mir dieses Erlebnis ermöglichen. ;)
Guzzi hat geschrieben:Irgendwie kommt mir jetzt der Kieler 1000er Brevet durch Dänemark wie ein Kindergeburtstag vor, wenn ich es mit den Berichten über LEL vergleiche. Es war glaube ich von mir eine richtige Entscheidung, dieses Jahr LEL noch nicht anzugehen.
Hallo Hartmut, der 1000er war bestimmt kein Kindergeburtstag, du bist nur mittlerweile ein sehr souveräner Brevetfahrer geworden. Allerdings war LEL wirklich nicht besonders gut für Velomobile geeignet.

Apropos Souveränität: Andreas, die in meinem Bericht schon erwähnte Mitfahrgelegenheit aus Berlin, hat mich auch einigermassen beeindruckt.

<a href="http://fotos.rennrad-news.de/p/315017" title="JD500615" ><img src="http://fstatic1.rennrad-news.de/f/yu/gv ... 0615.JPG?0" class="fotoalbumLikeable" data-photo-id="315017" /></a>

Eigentlich Reiseradler, wie er so sagte, wollte er dieses Jahr mal einige Brevets versuchen. Also ist er bei den Brandenburgern diese Brevet-Saison gefahren (der 200er war zeitgleich mit dem in WF und genauso schneewehenverseucht). Auch beim Material hat er sich keine Schwachheiten geleistet. Nichts megateueres, einfach nur gut ausgewählt.
Gebrauchtes Stahl-Guylaine wieder aufgebaut. 32 Speichen Laufräder mit DP-18 Felgen, eingespeicht mit Hope und SON Naben. Also nicht überragend leicht oder aerodynamisch, sondern einfach nur zuverlässig. Und das ist ja wohl bei so einem Brevet am wichtigsten. Und ohne Ambitionen auf eine schnelle Zeit einfach nur wie ein ganz alter Hase seine Zeit verwaltet -> http://gicentre.org/lel2013/?id=t22&all=true&co=true

... und am nächsten Tag dann das (ehrlich gemeinte) ultimative Statement: "Ich weiß nicht, ob diese Brevetfahrerei überhaupt was für mich ist. In den Lowlands war es so schön, da wäre ich gerne ein paar Tage geblieben. Aber das geht mit dem Zeitlimit ja nicht." Irgendwo hatte er nicht ganz unrecht. ;)

Überhaupt habe ich mit dieser Mitfahrgelegenheit das (für mich) große Los gezogen. ;) Andreas ist Gitarrist und Sänger in einer, wie er es nennt, Punk-Pop Band, ich halte es eher für goile Mucke ;). Jedenfalls gab es auf der Fahrt einige Schätze auf seinem i-Pod zu entdecken. Die LP seiner Band habe ich mir jedenfalls gleich mal gegönnt. ;)
Angelboot

Beitragvon Angelboot » 10.08.2013, 21:31

Speedmanager hat geschrieben:Hallo Hans-Hermann, für mich wird es nächstes Jahr ziemlich sicher HBK sein. Und ich bedanke mich schon jetzt bei den Freiwilligen, die mir dieses Erlebnis ermöglichen Wink.
Wir vom Audax-SH werden alles für eine schöne Fahrt vorbereiten.
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Nachlese L-E-L

Beitragvon pivo » 14.08.2013, 17:45

Es hat etwas gedauert, um das Erlebte zu verarbeiten. Und jeder macht das auf seine Art. Speedmanager ist schon vom Namen her etwas schneller.

Trotzdem hier noch die Eindrücke meines Vereinskameraden Thomas http://www.rv-altona.de/down-and-out-in-market-rasen/ und meine http://www.rv-altona.de/london-edinburgh-london-danach/.

Peter
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Beitragvon dirksen1 » 15.08.2013, 08:17

...ohne Worte...

Chapeau!
ES LIEGT NIE AM RAD!
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Beitragvon tierfreund23 » 15.08.2013, 22:17

:Respekt: :Hutab: :Hutab: :Hutab:
Wahnsinns Leistung... :Hutab: :Hutab: :Hutab:
Schöne Berichte zum Mitfühlen...
Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte,
drum gab er Säbel, Schwert und Spieß, dem Mann in seine Rechte,
drum gab er ihm den kühnen Mut, den Zorn der freien Rede...

Zitat: Ernst Moritz Arndt 1812
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Re: London Edinburgh London '13 (Bericht + Bilder)

Beitragvon Speedmanager » 20.08.2013, 21:57

Speedmanager hat geschrieben:Ich hatte erwartet, dass ich froh, glücklich, stolz oder was auch immer sein würde, aber ich war einfach nur leer.

Nach mittlerweile mehr als einer Woche stellt sich allmählich ein Gefühl des Stolzes, es geschafft zu haben, ein.
Noch eineinhalb Wochen später war es einfach nur noch geil und es stellt sich die Frage: Wann kann ich mich wieder anmelden? ;)
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Helmut
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Beitragvon Helmut » 14.09.2013, 22:27

Wie ein Gewinner fühle ich mich nicht, eher wie ein Überlebender…, schreibt Tabula-Raser Max auf seiner Homepage. Siehe

http://www.tabula-raser.de/touren/2013- ... h-london-2
Wenn's um die Wurst geht, sollte man gut abschneiden.
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Beitragvon tabula-raser.de » 18.09.2013, 19:22

Mit diesem Bericht konnte ich im Nachhinein viele Landschaftseindrücke den Ortsnamen auf der Landkarte zuordnen. Ich hatte teils viel zu viel mit meinem Kopf zu tun, als daß ich mir das auch noch hätte merken können. Gut geschrieben, und inzwischen hab ich noch ein Schippchen nachgeschmissen: War bei Rad am Ring.

http://www.tabula-raser.de/touren/2013- ... ad-am-ring

Gruß von hier auch an Andreas, den 400er in Berlin werd ich wohl nie vergessen

Mäxx
Eigentlich hat zum Radfahren jeder seine eigene Philosophie
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pivo
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Beitragvon pivo » 13.02.2014, 08:25

Gestern erhielt ich die neue Arrivée, das vierteljährlich erscheinende Magazin des Audax UK. In dieser Ausgabe gibt es neben vielen anderen interessanten Artikeln auch die Finish List von L-E-L 2013 (Seite 52). Das ganze Heft findet ihr online unter http://www.mediafire.com/view/8o9tv4wb5 ... eb2014.pdf.

In der November-Ausgabe findet man einige interessante Artikel und Statistiken zu dieser Veranstaltung: http://www.mediafire.com/view/q37ulri25 ... mn2013.pdf

Wen es interessiert: alle Hefte gibt es unter http://www.aukweb.net/arrivee/.

Looking forward to Míle Fáilte 2014

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Beitragvon Hangster » 13.02.2014, 14:43

Wirklich ganz toller Bericht, hat riesigen Spaß gemacht, ihn durchzulesen! Sehr lebendig und emotional geschrieben!
losemarie
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Beitragvon losemarie » 16.07.2014, 18:19

Toller Bericht! Vielen Dank, dass du uns an deinen Eindrücken teilhaben lässt :) ;-)

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