Radtour Kopenhagen-Finnland (Bericht + Bilder)

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Janibal
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Radtour Kopenhagen-Finnland (Bericht + Bilder)

Beitragvon Janibal » 02.08.2013, 02:58

Radtour Kopenhagen-Finnland
Der Euro und andere Krisen


Da stand ich nun, gescheitert an dem gleichen Problem wie in Ahrensburg-Gartenholz. Rad bahnkonform verpackt, nicht nur in einer Tasche, nein, auch den Lenker nach unten und den Sattel abgebaut. Pedale nach innen durfte ich mir sparen. Dazu eine Tragetasche und das Randonneurchen in den Händen vor einen Fahrkartenautomat in Kopenhagen Main Station. Dabei brauche ich doch nur ein Fahrscheinchen mit der Bahn über ein Milliardengrab europäischer Baukunst, der Öresundbrücke. Sie ist gut für geschlossene, motorisierte Fahrzeuge, aber nicht für den Personenverkehr. Der Automat verlangt nach dänischen Kronen oder einem PIN für die Mastercard, welchen ich nicht habe. Die EC Karte ist tabu und auch der krisengeschüttelte Euro. Der Bahnhof Ahrensburg-Gartenholz wurde ein Jahr später eröffnet, da die Automaten nicht europagerecht waren und neue aufgestellt werden mussten, da dort europäische Züge durchfahren. Bin mir sicher, dass er keine dänischen Kronen nimmt.

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So schleppe ich mein Plastikrad in das geöffnete öffentliche Reisezentrum und ziehe eine Nummer für internationalen Fernverkehr, keine 40 anderen Personen wollen vor mir weit weg. Darunter japanische Reisegruppen, die sich alle einzeln bei der Frau am Schalter bedanken, arabische Basaristen verhandeln über Ermäßigungen und junge, hungrige Menschen aller Länder zeigen ihr Interrailticket für eins der Staatsbahn. Immerhin funktioniert hier die EC Karte und so komme ich eine Stunde später in den Zug über die Brücke, der vorher am Flughafen von Kopenhagen luftig gekleidete Touristen und auch ein paar Pinguine aufsammelte. Denn es ist Sommer, Skandinavien ist wolkenfrei und kein Regen in Sicht, die Sonne lacht fast rund um die Uhr und die Temperaturen übersteigen deutlich die Einwohnerdichte Schwedens.

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So nimmt die Bahnfahrt doch noch ein gutes Ende, ab Malmö/Schweden/Kronen beginnt die entschleunigte Unabhängigkeit des Randonneurs/Radwanderers (gerade habe ich aus fachkundigem Mund gehört, Wandern ist nicht gut fürs Image). Die Wasserpassagen vorher sind doch einfacher mit Brücke oder Schiff zu überwinden. Zwischen Puttgarden und Rödby kommt der Zug gleich mit aufs Schiff, am Öresund der Zug auf die schon erwähnte Brücke. Schwimmen mit Rad auf dem Rücken wäre auch zu gefährlich, das Salzwasser könnte wichtige Teile, die noch nicht aus Plastik sind, angreifen und in der Funktion einschränken.

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Die letzte Wettervorhersage hatte Wind aus Südwest vom blauen Himmel herunter vorhergesagt und so verlasse ich zuerst auf breiten Radwegen, die doch öfters mal andere Ziele als Stockholm haben, und dann auf einer Schnellstraße Malmö Richtung Nordost. Schnell wird die Randbebauung weniger und es geht durch Felder, über sanfte Hügel und kleine Wälder. Blonde Haare wehen im Fahrtwind von Motorrollern über Sicherheitsbikinis, junge Schwedinnen auf dem Weg zum Badesee. Der an die Kühle gewohnte Nordländer empfindet die Wärme anders. Ich fahre in Kurz/Kurz, mit im Gepäck ein zweites Trikot, Weste, Armlinge und Beinlinge, dazu Ausgehkleidung T-Shirt und kurze Laufhose. Und etwas Kosmetik: Zahnbürste, Sonnencreme, Sitzcreme und etwas Seife.

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In der Nachmittagssonne beginnt der Teer zu schmelzen. Unter der Rollsplittschicht glänzt es schwarz und in den Kurven schwimmt das Rad etwas, aber kein Kleben von Teer am Reifen. Die Route ist als Track auf dem Navi, geplant als „kurz“ auf befestigten Wegen. So darf ich dreispurige Fernstraßen erleben, aber auch geteerte Waldwege.

Die Flaschen sind schnell leer und so wird der nächste Landhandel gestürmt. Der Nordländer hat immer die gleiche Temperatur im Laden. Im Sommer kühl bei 14 Grad und im Winter heiß bei 14 Grad. Es soll Tage geben, da kann die Tür offen gelassen werden. Vorteil ist, Winterjacken verkaufen sich auch im Sommer und Obst hält lange frisch, Getränke sind frisch und im Winter muss keiner die Jacke ausziehen. Ich decke mich mit Wasser und einer 2 Liter Flasche ein, die hinten in der mittleren Trikottasche Platz findet, denn der Handel hat seine Außenposten stark reduziert und Tankstellen minimiert.

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Schon 2009 habe ich mich an der Strecke versucht, musste aber wegen Würfelhusten abbrechen. Schon damals war es klar, nach 22 Uhr wird die Versorgung schwierig und so fahre ich gegen Abend abseits des Traks in eine Stadt und versorge mich in einer Dönerbude. Meine Lieblingsspeise unterwegs: Pommdöner und Zuckerwasser in Mengen. Hier schaffe ich zwei Liter Sprite. Und für die Nacht sind 3,5 Liter Wasser mit dabei. Zum Essen ist noch Brot aus der Heimat mit im Gepäck. So mache ich noch ein paar Meter, ziehe bei Sonnenuntergang Armlinge und Weste an. Nach 250 Kilometern ist es dunkel und ich suche auf einem Spielplatz in einer Kirchengemeinde eine gerade Fläche zum Hinlegen. Bei Kirchen gibt es auch Friedhöfe und da gibt es Wasser. Noch sind die Tanks voll und so geht es nur um etwas Schlaf.

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Anfänglich ohne Decke auf einer Bank rolle ich mich dann doch irgendwann in die Plastiktüte vom Radtransport. Selbst mit allen verfügbaren Kleidungstücken zittere ich leicht. Trotzdem bekomme ich die Augen zu und bei morgendlicher Dämmerung verunsichern mich ein paar Regentropfen, die aber leicht an der Plastikplane abprallen. Noch mal gewendet auf den Brettern, die sonst Beobachtungsplatz erziehender Frauen sind. Und dann auf zu neuen Wegen, denn 2009 bin ich nach Karte gefahren, das Garmin nur zur Unterstützung dabei. Die Sonne versteckt sich lange hinter Wolken, der Wind schwenkt nach Nordwest und es ist deutlich kühler.

In Vimerby, wo Astrid Lindgren die Revolte gegen herrschende Eltern gebar, wird ihr heute mit einer Spielwelt in Form eines Vergnügungsparks gedacht. Ich mache am späten Vormittag Frühstück vor einem Supermarkt an der Einflugschneise und die Familienautos rollen an. Die Eltern glauben heute ihren Kindern etwas Gutes zu tun und lassen sie schön die Geschichten Astrids im Park nachspielen. Noch wissen sie nicht, was sie damit anrichten. Morgen malt sich die Tochter die Haare rot an und möchte eine eigene Villa mit Pferd, der Sohn mit Müsse und Büsse bewaffnet verlang in der 30er Zone Wegegeld und dem Vater fehlt der nötige Schuppen. Ich verlasse diese Welt in Richtung Norden, gegen den Wind. Irgendwann biege ich von der Hauptstraße ab und fahre auf einsamen Wegen.

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Die Zeit verschwimmt und so glaube ich an den nahenden Abend, als es dunkel wird, oder ist es der dichte Wald? Als die ersten Tropfen fallen, weiss ich, es Regen. Da die Sonne nie im Zenit steht, ist der Weg des Lichts durch Wolken immer länger als in südlichen Gefilden. Nur ein kurzer Schauer, der sich erstaunlich lange hält und ziemlich stark ist. Nach kurzer Zeit ist der dichte Wald bis zu den Wurzeln nass, ich auch. Die Temperatur fällt schnell, nur noch das Treten wärmt ein wenig. Ein Blick zum Himmel verrät, keine Besserung in Sicht und vor allem kein Unterschlupf. Kurz denke ich darüber nach, aus der Radverpackung ein Dach zu bauen und mich darunter zu verkriechen. Feuer habe ich auf Grund der stabilen Hochdrucklage und der damit erhöhten Gefahr des Waldbrandes nicht dabei. Auch gibt es keine Bushaltestellen, Badeseeumkleide- oder Milchkannenhäuschen mehr. Irgendwann kommt ein Bauernhof und eine offenen Holzgarage.

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Ich fahre hinein, stelle mein Rad zwischen Ölkanister, Autositze und einen alten Gabelstapler. Auf der einen Reifenspur läuft das Wasser von der Straße durch den Schuppen, auf der anderen stehe ich und wringe meine Sachen aus. Es gibt keine trockenen Ersatzleibchen. Also alles wieder an und ins Plastik einrollen und etwas schlafen, bis der Regen nach Germany gezogen ist. Auch wenn es in Schweden keine Euro gibt, eine Krise habe ich trotzdem. Mir ist kalt, der Boden hart und ich zitte re et waaas.

Als ich wieder aufwache, ist es hell. Ich schaue in zwei Scheinwerfer, der Besitzer möchte sein Auto hier trocken parken, wartet aber noch, bis ich in die Pedale komme. Eine kleine Entschuldigung von mir und dann nur treten, denn noch zittere ich. Zum Glück ist es etwas wellig und so kommt wieder Wärme in mich. Doch habe ich plötzlich argen Muskelkater, wohl vom Zittern. Und es regnet wieder. Jetzt nicht denken, nur fahren und essen, damit die Energiequelle nicht versiegt. So komme ich in die nächste Stadt. Hier gibt es Pizza. Ich sitze da und es ist weder warm noch kalt, dabei bin ich durch. Noch 250 km bis Stockholm, draußen Bindfäden und ich ohne Kraft. Irgendwie kommt mir der Ort auch bekannt vor, natürlich, hier bin ich 2009 in den Bus gestiegen, nach Linköping und dann in die Bahn nach Hamburg. Heute nicht, ich steig im Hotel ab.

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Nach einer Stunde warmer Dusche liege ich um 16 Uhr im Bett und schaue Damenfußball, der Regen trommelt gegen die Scheibe, das Frühstück steht verpackt auf dem Tisch und dann gehen die Lichter aus. Nach 12 h weckt mich die Sonne. Jetzt los, könnte ich auf die Abendfähre nach Finnland hetzen, denn dort geht es weiter bis zum Ferienhaus meiner Eltern, wo Vater und Sohn weilen. Ich dreh mich noch mal um und strebe die Morgenfähre 12 h später an. Die Leibchen hängen noch auf dem beheizten Trockengestell, die Taschen werden neu sortiert und der Vorrat an Kronen gezählt. Als das Leben in der Stadt sich dem Zenit nähert, verlasse ich die Gemütlichkeit mit der Meinung, das war schön, gute Erfindung, Dach, Heizung, Bett…

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Ich habe noch 19 h für 200 km. Auch als ich mich selbst frage, wie lange brauch ich dafür, habe ich keine Antwort. Unbekannte Strecke, Defekte und eigene Krisen lassen nur eine vage Vermutung zu. Der Schnitt der letzten 500 km sagt, reine Fahrzeit 8 h, also mit Pausen um die 10 h. Plan ist, möglichst nahe an Stockholm zu fahren, etwas zu ruhen und dann zur Fähre. Aus nahe werden 100 km. Vorher bei herrlichstem Sonnenwetter und schönen Gegenwind über niedliche Straße an die Ostsee. Die Felder stehen unter Wasser vom Regen gestern und die Seen sind braun von den zufließenden Sturzbächen. Trotzdem ist es hier so schwedisch, wie kaum woanders. Nur das auch hier Raps angebaut wird, liegt wohl an der Klimakrise…

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Dann die Ostseeküste, bei Norrköping. Die Möwen am Himmel sind ein sicheres Zeichen dafür. Und ich fahre am Fußball-Stadion vorbei, einige Transparente weisen auf die Damenfußball-EM hin, durch die Verjüngung des deutschen Teams könnte es zu einer weiteren Krise kommen, werden sie nach 7 Titeln und 5 davon in Folge gegen die starken blonden nordischen Teams aus Dänemark, Schweden und Norwegen (Die finnischen Damen habe leider etwas Schwierigkeiten in der Vorrunde) bestehen können? Bei mir geht im Stehen wenig, der Muskelkater durch Zittern neulich hängt noch in den Beinen, damit verbunden eine Eiweißknappheit, eine Versorgungskrise. Ich kaufe proteinbewusst ein und labe vor einem Supermarkt, die hier auch Lidl oder Netto heißen. Der Wind aus Nord wird nun zu einem Seitenwind, da ich nach Osten abdrehe, auf den schönen Ostseeradwanderweg.

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Irgendwann verlasse ich die Küste und kaufe in einem Landhandel ein. Die Bevölkerungsdichte wird höher, ein Zeichen für die Hauptstadt. Nochmals die Reserven aufgefüllt, etwas weiter ein ruhiges Plätzchen auf Felsen im Moos zwischen Bäumen hoch über der Straße gesucht und das Lager bereitet. In der Sonne ist es schön zu dösen, doch als sie hinter dem Horizont verschwindet, wird es frisch - wieder zittern. Nun fällt mir Schlaukopf ein, dass ich immer eine Rettungsdecke mitführe. Ich breite sie aus und wickel sie mit um mich herum. Auch erste Mücken greifen an, doch die Weste mit dem Netzrückenteil schützt den Kopf. Und siehe da, die Rettungsdecke wirkt Wunder, es stellt sich ein Gefühl von behaglicher Gemütlichkeit ein, nur die Felsen sind etwas hart. So muss ich mir den Wecker stellen, eine der wichtigsten Funktionen eines Handys.

Ich schlafe gut und werde mitten in der Dunkelheit geweckt, denn die Fähre läuft um 7:00 Uhr aus, 100 km sind 5 h und so ist um eins Abfahrt. Ich lasse noch zwei Schweden passieren, die mit einer Taschenlampe und Rädern Schlangenlinien fahren. Dann erhellt mein SON Nabendynamo in Verbindung mit einer E3 die Gegend. Und es ist frisch ohne Rettungsdecke.

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Parallel zur Europastraße 3, wo Longleiner durch die Nacht gleiten, geht es über Wellen näher an die Sonne, die im Osten aufgehen wird. Lange vorher dämmert es, dabei fällt Feuchtigkeit aus der Luft aus, die am Boden zu Nebel kondensiert. Gegen fünf ist es am kühlsten und nässesten, ein Thermometer an den Scania Werken (größter und provitabelster Nutzfahrzeughersteller der Welt und Tochter von VW) zeigt stolze 7 Grad. Erst in Stockholm zeigt sich die Sonne. Es ist 5 Uhr und noch 30 km in der Stadt zu fahren. Noch ist kein Verkehr und ich mache mich auf vierspurigen Straßen breit. Irgendwann nimmt dann auch die Ampeldichte zu. Ich merke nach ein paar bei rot überfahrenen Lichtzeichen, dass die nicht auf Fahrräder reagieren. So wird der Radfahrer auf die Radwege gezwungen. Die zwar breit, doch alle Ampeln müssen durch Schalter ausgelöst werden und immer wieder gibt es Absätze zur Fahrbahn. In der Innenstadt sagt mir ein Einheimischer, dass ich nicht bei Rot halten solle, wenn kein Auto bei mir ist, sonst warte ich ewig. Dabei muss ich aber auf leicht bis schwer angeheiterte Stockholmer achten, die noch auf den Straßen ihr Glück suchen oder eng umschlungen der Morgenkühle trotzen. Immerhin ist in den Gesichtern zu lesen, dass eine durchgemachte Nacht keine Alltäglichkeit ist, sondern ein Sommerspaß.

Noch ein paar Kurven und ich stehe vor dem verschlossenen Büro der Silja-Line, wo es die Tickets nach Finnland gibt. Zu früh, mit mir lassen sich ein paar Rucksacktouristen auf der Bank davor nieder.

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Als ich das Ticket nach Finnland in den Händen halte, ist es alles
Was zählt

Gib mir was zu trinken, ich habe Durst.
Ich kam den ganzen Weg allein und bin zu Fuß.
Jeden einzelnen Schritt, Meter für Meter,
von irgendwo da draussen, ganz weit weg von hier.

Ich bin durch das Meer geschwommen, hab von Wasser und Salz gelebt,
nur um hierher zu kommen und dich endlich zu sehen.
Ich war in jeder Wüste, die man sich denken kann.
War fast dran aufzugeben, ständig weiterzuziehen.

Ich hab mich oft verlaufen, war viel zu lange blind.
Überall und nirgendwo suchte ich nach dir.
Und ich lief jahrelang nur durch Regen.
Oder ob es Tränen waren? Ich weiss es heut nicht mehr.

Doch wenn nur die Liebe zählt, wenn nur die Liebe zählt,
werd ich denselben Weg noch einmal für dich gehn.
Wenn nur die Liebe zählt, wenn nur die Liebe zählt,
dann ist mir kein Preis zu hoch um dich zu sehen.

Siehst du die Tasche, die ich mit mir trage?
Da ist meine Geschichte und mein ganzes Leben drin.
Du kannst sie mir wegnehmen und sie verbrennen.
Sie ist voller Erinnerungen, die ich nicht mehr haben will.

Für mich ist gestern wertlos und morgen ganz egal,
solange du mir versprichst, dass du mich halten kannst.
Wenn nur die Liebe zählt, wenn nur die Liebe zählt,
werd ich denselben Weg noch einmal für dich gehen.

Wenn nur die Liebe zählt, wenn nur die Liebe zählt,
will ich dir folgen bis ans Ende dieser Welt.

Ich möchte gern glauben, was in der Bibel steht
und was man uns in jeder Fernsehshow einreden will:
Dass es am Ende nicht darauf ankommt,
ob man der Sieger oder der Verlierer ist.

Weil nur die Liebe zählt, weil nur die Liebe zählt,
ich würd denselben Weg noch einmal für dich gehen.
Wenn nur die Liebe zählt, wenn nur die Liebe zählt,
will ich dir folgen bis ans Ende der Welt.

Mir ist kein Preis zu hoch um dich zu sehen.

(DTH)


Die Sehnsucht ist weg. Ich weiß, ich werde dort sein dürfen. Dabei ist es auch egal, dass ich als einziger Radfahrer als letzter auf das Schiff darf, ein großer bunter Kreuzer, immer gut ausgebucht. Für die 12 h Überfahrt nach Türku zahle ich 415 Kr, inklusive Rad und Kabine. Die Kabine teile ich mit Gonzales, einem Mexikaner auf Europareise. Auch er nutzt die Zeit zum Schlafen. Heute fährt die Jugend nicht mehr Interrail, sondern fliegt und nutzt Mitfahrgelegenheiten, das ist preiswerter. Drei Monate hat er für Europa eingeplant, er mag die Alpen mit den Berghütten, die saubere Schweiz. Käffer wie Paris, Rom und London waren komisch, Mexico City, wo er herkommt, pulsiert mehr. In Hamburg war er nicht, Amsterdam aber. Jetzt sucht er Ruhe in Finnland für zwei Wochen. Ich habe zwanzig Jahre gebraucht um Finnland zu verstehen. Aber Europa ist toll, so friedlich, die Krisen in Griechenland und der Türkei sind harmlos gegen die Zonen an der Grenze zur USA.

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Zwischenzeitlich werden die Alandinseln angelaufen. Felsen zwischen Schweden und Finnland. Es gibt eine Straße von 110 km Länge, dazwischen zwei Fähren. Und noch eine für die letzten Meter aufs Festland. Zu aufwendig für mich, aber ich sehe gute Chancen für einen Urlaub mit Kindern da.

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Gegen 20:00 Uhr (Zeitzone) betrete ich mein geliebtes Finn Land. Warum es hier so toll ist, weiß ich nicht. Es gibt auch Autos und Kapitalismus, Papierfabriken und Tabak, viel Alkohol mit Abhängigen, aber im Sommer ist das alles egal, jetzt ist Sommer und alles voller Licht. Da Essen auf dem Schiff etwas teuer ist, gibt es ein Menü bei Hessburger. Die blonde Studentin richtet alles noch frisch zu und überreicht mit einem Lächeln viele Kalorien.

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Auch finnische Straßen haben einen Schutzstreifen. Hier ist es recht sicher vor den acht Achsen der Longleiner. So rolle ich bei sommerlichen Temperaturen auf einer Hauptstraße aus Türku raus. Beim Lidl wird noch für die Nacht eingekauft. Die Nacht ist eine Dämmerung, denn die Sonne verlässt kurz im Norden das Land. Einzelne gebeugte Strahlen bleiben mir erhalten, auch als ich an einer großen Kreuzung eine Versorgungsstelle erblicke, die bis 24 h geöffnet hat. Nennt sich ABC oder auch Randonneurparadies. Eine Tankstelle mit Restaurant, Kaffeeautomaten, freie Toiletten und einen kleinen Supermarkt mit fairen Preisen. Hell und weitläufig, für Reisebusse ausgelegt. Hier gibt es noch eine Pizza. Jetzt kommen auch wieder die A- + B-Linge zum Tragen, auch in Finnland gibt es so eine Art Morgentau.

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Nach 120 km verlasse ich die recht flache Küstenregion. Ab hier warten unzählige Endmoränen auf Überquerung. Dazwischen staut sich immer wieder Wasser zu einem See. Mit der Sonne kommt auch Wind, aus Nordost, da wo ich hin möchte. Halt ans andere Ende. Am Anfang ist es noch fahren und genießen, später nur noch fahren. Irgendwann Leere unterbrochen von Stichen. Auch mir ist es endlich passiert, ich habe eine Scheuerstelle, die offen ist, reines Fleisch. Alle Sitzcreme und auch zweimaliges waschen hat nichts genützt, der Rand vom Sitzpolster war stärker. Jede neue Berührung ist wie ein Stich mit dem Messer, der ganze Körper zuckt kurz zusammen. Stress. Da bietet mein Vater sich an, mich mit meinem kleinen Sohn abzuholen. Beide weilen zehn Tage im Ferienhaus. Bevor ich mich schlagen lasse und auf Cola-Doping umsteigen muss, lasse ich abholen. In vier Stunden ist treffen, für mich die bekannten 100 km, die immer gehen, für sie 200 km, davon 30 ungeteert, die meine Reifen kaum überstanden hätten.

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Im Auto schlafe ich ein weinig, alber ein bisschen mit Söhnchen rum und im Ferienhaus erst mal etwas Straßenstaub abspülen, Essen ohne zu bezahlen und anschließend Sauna. Warm macht müde, doch sind die Knochen noch etwas kalt aus Schweden. Die 80 Grad Lufttemperatur schafft bis ins Innere vorzudringen, der Kreislauf grenzwertig stabil, weil der Körper zwischen Aufwärmen, Verdauen, Schlafen und Regenerieren sich entscheiden muss. Es kommt zu keiner Krise, obwohl Finnland den Euro hat.

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Ein paar mehr Eindrücke

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St. Jan
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harald_legner
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Beitragvon harald_legner » 02.08.2013, 09:13

Wieder mal ein kurzweiliger Bericht einer langen, tollen Tour.
Danke dafür!
[hl]
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VeloC
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Beitragvon VeloC » 04.08.2013, 15:13

Crazy Boy! ;)

Klasse Bericht und schöne Bilder. Und dein Papa scheint ja Gold wert zu sein.

:Danke:
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Stauder Volker
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Beitragvon Stauder Volker » 07.08.2013, 17:25

Ein sehr lebendiger Bericht Hannibal. :Danke:
Ich habe großen Respekt vor der Leistung deines Sohnes und Dir. Eine Leistung, die ich glaube man nur bewältigen kann, wenn man einerseits sehr ehrgeizig ist und dazu ein klares Ziel vor Augen hat. :Respekt:
Im Vordergrund steht der Spaß und das Team
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Heimfelder Dirk
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Beitragvon Heimfelder Dirk » 07.08.2013, 19:04

Stauder Volker hat geschrieben:Ein sehr lebendiger Bericht Hannibal. :Danke:
Ich habe großen Respekt vor der Leistung deines Sohnes und Dir. . :Respekt:
Ich habe den Bericht so gelesen, dass Janibal allein unterwegs war. Oder habe ich da etwas falsch verstanden :Weissnicht: ?
:gruss: dirk

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