Wie ich über 1.000 km zu einer RTF fuhr und dann doch nicht teilnahm

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RSG-Arne
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Wie ich über 1.000 km zu einer RTF fuhr und dann doch nicht teilnahm

Beitragvon RSG-Arne » 31.07.2019, 00:07

Ihr mögt längere Reisestories? Dann seid Ihr hier richtig… Meine diesjährige Urlaubsplanung sah ursprünglich vor, einmal um Dänemark herum zu radeln. Das klappte dann leider nicht, weil ich – was Lage und Dauer des Urlaubs anging – umplanen musste. Weit weg sollte es aber schon gehen und ich wollte mich per Muskelkraft aus Hamburg entfernen. Vom Zeitpunkt und der Entfernung her stellte sich heraus, dass die Pfaffenwinkelrundfahrt am 22. Juli in Peiting (Oberbayern) passen würde (https://pfaffenwinkelradrundfahrt.de). Ich hatte einen interessanten Bericht in der TOUR gelesen und wollte immer schon einmal dort hinfahren. Dann also jetzt in 2019…

In der Planungsphase entstand dann folgende Tour über 9 Etappen zwischen rund 90 und 150 km: https://www.gpsies.com/viewStages.do?fi ... tthdlnelzj

Ursprünglich wollte ich am ersten Tag rund 200 km bis nach Hildesheim radeln, musste aber feststellen, dass ich noch nicht ausreichend Kilometer auf der Uhr hatte, um die Tour so zu überstehen, dass ich anschließend gut weiterfahren kann. Spontan habe ich die letzten Vorbereitungen gekürzt und bin dann einen Tag früher gefahren, um die Etappe aufzuteilen. War eine gute Idee… Los ging es daher am Donnerstag, den 11. Juli.

Ein Wort zum Equipment: Da ich „schnell“ unterwegs sein wollte, habe ich mich gegen ein typisches Reiserad und für mein Rennrad entschieden. Um es Tourentauglicher zu machen, habe ich noch andere Mäntel mit Profil und Schutzbleche nachgerüstet (wieder zwei gute Ideen). Regen weiche ich ansonsten aus, dass das hier auch klappt, darauf wollte ich mich nicht verlassen. Ansonsten kann kleines Gepäck mit nur dem Allernötigsten auch befreiend sein…
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Wichtigster Begleiter: „Lego-Arne“ mein „Alter-(L)ego“.
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(Tag 1) Hamburg – Bad Fallingbostel

Die erste Etappe nach Bad Fallingbostel begann ich in aller Ruhe am Vormittag. In den Harburger Bergen traf ich dann einen recht zutraulichen Fuchs, der erst vor den mir folgenden Reiseradlern Reißaus nahm. Zum Mittagessen ging es anschließend zu Freunden nach Bendestorf. Die Pause dauerte länger als geplant, stilecht gab es natürlich Pasta. Rennradfahrer waren noch nicht zu sehen. Zwischen dem Büsenbachtal und dem Örtchen Welle dann die erste Begegnung: Freundlich Grüße ausgetauscht und weiter im Text. Oder auch nicht. Der andere Radfahrer rief etwas und machte Anstalten, zu wenden. Hatte ich was verloren? Oder er? Bei mir angekommen rief er: „Ach so, sorry - ich dachte, du wärest Arne“ – „Ich BIN Arne“ Es stellte sich heraus, dass mir „Kanarienvogel“ Lars gegenüberstand.
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In seinem Arlberg-Tarn-Trikot hatte ich ihn nicht erkannt. Ich selbst war im Deichgleiter-Trikot auch nicht einfach zu erkennen. Wir klönten ein wenig und waren auch ein wenig traurig, dass wir nicht noch länger gemeinsam unterwegs sein konnten. So macht ein Reiseauftakt schon mal Spaß! Der Rest der Etappe ging dann recht ereignislos vorüber. Was gut war, da es durchaus Regen gab an dem Tag, nur eben nicht da, wo ich unterwegs war. Zum Abschluss dann ein „Schnuckenbräu Pils“ mit dem Slogan „…und alles wird gut“.
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Genau das richtige Motto für die Tour.

(Tag 2) Bad Fallingbostel – Hildesheim

Am nächsten Tag ging es dann früh in Richtung Hildesheim. Das Wetter war divers, es gab also von allem etwas. Den meisten Regengebieten konnte ich noch ausweichen, aber kurz vor dem Ziel hat mich dann doch ein Schauer erwischt. Erster Praxistest für das Material. Bestanden!
Ein wenig in Eile war ich auch, da für den Nachmittag Gewitter angesagt waren, die ich dann aber aus dem Trockenen heraus Tour de France guckend nur in der Ferne gehört habe. Das wurde also schon mal gut. Passendes Bier des Abends: Der „Starkstrampler“…
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(Tag 3) Hildesheim – Göttingen
Die Etappe nach Göttingen bin ich schon im Vorjahr so gefahren. Schönstes Teilstück ist eine ehemalige Bahnstrecke zwischen Lamspringe und Bad Gandesheim. Kilometerlang konnte ich es einfach rollen lassen.
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Es gab zwar auch leichten Regen und ich musste öfter die Regenjacke an- und ausziehen, aber es ließ sich aushalten.
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Etwas doof war ein Teilstück auf der Bundesstraße ohne Radweg, das sich nur kilometerweit hätte umfahren lassen… Ansonsten habe ich mich soweit vorhanden lieber auf die Radwege verzogen, wenn vorhanden. Bei Northeim wurde ich experimentierfreudig und wollte wieder eine vielbefahrene Straße umfahren. Der Feldweg sah auch gut asphaltiert aus. Leider änderte sich das nach einiger Zeit und plötzlich fand ich mich auf einer Matschstrecke wieder. Umkehren ist aber keine Option!
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Dann allerdings noch ein umgestürzter Baum. Wie war das mit dem Umkehren...? Also lieber das Fahrrad durch den Baum heben. Doof nur, dass das Fahrrad jetzt schlimm aussah und keinen Fahrspaß mehr versprach. Im nahegelegenen Krankenhaus konnte man mir nicht helfen (kein Wasserschlauch in Sicht), aber ich hatte Glück im Unglück. In der Nähe befand sich ein Autohof mit Waschanlage, d.h. mit Hochdruckreiniger. Fahrrad wieder sauber! (Aber Vorsicht: Nicht mit vollem Druck auf Lager etc. zielen, um die Fettung nicht zu zerstören.) Zum Abend hin wurde das Wetter dann wieder besser.

(Tag 4) Göttingen – Fulda
Nun sollte es nach Fulda gehen, es gab erheblich mehr Kilometer und Höhenmeter auf dieser Etappe. Und weiterhin war mit Regen zu rechnen. Dieser hielt sich aber glücklicherweise zurück. Es gab etwas Niesel, aber kaum mehr. Einen großen Teil der Strecke kannte ich und freute mich schon sehr auf die Abfahrt bei der Burg Hanstein.
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Über Bad Hersfeld bin ich nach über 140 km dann in Fulda angekommen. Wieder eine sehr schöne Stadt, die einen Besuch lohnt. Die „Restauration zum goldnen Rad“ eher nicht, wie es schien. Zumindest saß dort keiner, was mir angesichts des nun schöneren Wetters (zu) verdächtig vorkam.
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(Tag 5) Fulda – Frankfurt am Main
Die nächste Etappe führte mich nach Frankfurt am Main. Dort hatte ich einen Besuch beim Bund Deutscher Radfahrer (BDR) eingeplant, da es noch das eine oder andere zu besprechen gab. Das Wetter hatte sich jetzt endgültig entschieden, schön sein zu wollen, so dass Knie- und später auch Armlinge nun im Gepäck bleiben konnten und die Sonnencreme ihren Einsatzauftrag erhielt.
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In Hessen gibt es ein gut ausgeschildertes Radfernwegenetz, so dass ich eigentlich auch auf mein Navi hätte verzichten können. Davon kann sich Niedersachsen wirklich eine Scheibe abschneiden. Am besten gleich mehrere. Der Eichenprozessspinner hätte mir beinahe einen kleinen Strich durch die Rechnung gemacht. An der Kinzigtalsperre war seinetwegen der Radweg gesperrt, aber nicht unpassierbar. Zu sehen und zu spüren war zum Glück nichts…
Schließlich dann noch nette Gespräche zum Feierabend mit den Mädels und Jungs vom BDR, bevor ich dann noch klassisches Sightseeing in der Innenstadt auf dem Zettel stehen hatte.

(Tag 6) Frankfurt am Main – Würzburg
Jetzt stand also endlich die Einreise in den Freistaat Bayern auf dem Programm. Stilecht natürlich mit dem Deichgleiter-Trikot.
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Würzburg war das Tagesziel. Zu Beginn hatte ich mir viele Wege durch Wälder eingeplant, was gut war, da der heiße Tag so gut zu ertragen war.
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Meinen Mänteln sei Dank, dass ich mir keine Sorgen um Steine o.ä. im Schlauch machen musste. In Würzburg feierte man meine Ankunft extra mit einer Kirmes, bei der es doch zünftig herging.
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Zu zünftig für meine Reisepläne am nächsten Morgen, die vorsahen, dass ich frisch und nicht verkatert an den Start gehe… Eine partielle Mondfinsternis gab es als Zugabe noch oben drauf.
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(Tag 7) Würzburg – Pottenstein
Erstmalig mal ein kleineres Etappenziel. Pottenstein. Kannte ich vorher auch nicht. Aber der Besuch lohnt sich. Warum da hin? Ich hatte im Frühjahr bei einer „Gesundheitswoche“ meiner Krankenkasse Jürgen und Werner kennengelernt, zwei waschechte Franken, die beide im Tourismus tätig sind (mit Kletterwald und E-Funpark). Im Frühjahr hieß es: „Ihr müsst unbedingt mal bei uns vorbei kommen, Ihr werdet es lieben!“. Gesagt, getan. Das Wetter war gut, die Landschaft schön. Die Aufforderung „Lach“ habe ich gerne befolgt.
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In Pottenstein selbst waren die Läden schon geschlossen, aber einen Weihnachtsladen oder ein Scharfrichter-Museum gibt es nicht überall…
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(Tag 8) Ruhetag / Ausgleichssport
Heute stand dann nicht Radfahren auf dem Programm, sondern Materialpflege und Ausgleichssport.
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Bei Werner durfte ich mich auf E-Karts ausprobieren (man kann mit oder ohne Motorsound fahren) und auch einmal die Agilität von Segways erleben. Da er auch eBikes verleiht, konnte ich auf eine tolle Fahrrad-Werkstatt zugreifen. Wer mehr wissen will: https://www.e-fun-park-pottenstein.de Hier kann man viel Zeit verbringen, ohne dass es langweilig wird.
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Das Gleiche gilt für den Kletterwald Pottenstein, den Jürgen betreibt. Weitere Infos: https://kletterwald-pottenstein.de Auch hier durfte ich mich nach Herzenslust austoben. Es gibt spannende Parcours in unterschiedlichen Höhen und Schwierigkeitsgraden, so dass auch meine Höhenangst nicht überstrapaziert wurde. Lustig ist es zum Beispiel, mit einem Roller von Baum zu Baum fahren. Jürgen nahm sich dann noch Zeit, mir weitere Highlights der Umgebung zu zeigen und viele Attraktionen habe ich zeitlich gar nicht mehr unterbringen können. Hierher muss ich auf jeden Fall nochmal wiederkommen. Mit einem gemütlichen Abendessen klang der Aufenthalt hier dann aus.

(Tag 9) Pottenstein – Ingolstadt
Umso schwerer fiel es mir, jetzt wieder auf das Radfahren umzuschalten. Aber ich musste und wollte ja in Ingolstadt ankommen…
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Das Wetter ließ wieder etwas nach, zum Start gab es Niesel und später musste ich noch einen Schauer abwettern. Hügeliger wurde es auch, Abfahrten mit 10 bis 15 % Gefälle waren jetzt angesagt. Die hätten bei trockener Fahrbahn sicher mehr Spaß gemacht, aber waren aber auch so noch gut zu fahren. Die 15 % Steigung am Ende der Etappe fand ich da schon fieser (und ich muss zugeben, ich bin dann sogar abgestiegen, aber nicht weiter verraten!). Auch Ingolstadt freute sich über meinen Besuch – mit einem großen Bürgerfest (https://www.ingolstadt.de/buergerfest) und zahlreichen Bühnen mit unterschiedlichster Musik.
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Zünftige Folklore gab es genauso wie elektronische Beats. Gefiel mir deutlich besser als das Alstervergnügen in Hamburg, aber das ist ja jetzt eh Geschichte… Auch hier habe ich mir das Wiederkommen vorgemerkt.

(Tag 10) Ingolstadt – Peiting
Jetzt also die letzte Etappe vor dem geplanten großen Finale in Peiting. Die Startzeit musste ich aus „technischen Gründen“, die nicht weiter spannend sind, um zwei Stunden nach hinten verschieben, was mir die Gelegenheit gab, spontan ein kleines Frühstück mit Peter zu genießen, der ebenfalls bei der Gesundheitswoche mit dabei war. Die späte Startzeit führte dazu, dass ich erst am späteren Abend am Ziel eintraf. Die Strecke ging eigentlich durchgehend bergauf und es war ziemlich heiß. Das machte die Etappe zu der bisher anstrengendsten.
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Der Ort „Hügelshart“ fasste das ganz gut zusammen…
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Vorher traf ich aber noch auf einen originalen Menck-Bagger aus Ottensen, der auch schon bessere Tage gesehen hatte.
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(Zur Vertiefung: https://de.wikipedia.org/wiki/Menck_%26_Hambrock). In Peiting ging es dann nach Auffüllen der Nahrungsspeicher erschöpft ins Bett. Am nächsten Morgen sollte ja die Pfaffenwinkelrundfahrt mit Helga und Günter (ebenfalls aus Hamburg angereist, allerdings nicht mit mir, das hätte ich weiter oben schon erzählt) in Angriff genommen werden.

(Tag 11) Peiting – Forggensee
Ein Blick aus dem Fenster und die Geräuschkulisse verhießen nichts Gutes: Es regnete in Dauerschleife und es entwickelte sich ein reger Nachrichtenaustausch zur Situation. „Lass uns mal später losfahren, dann soll es besser werden, dafür fahren wir kürzer“. „Am besten wir verschieben noch weiter nach hinten…“, bis wir uns dann telefonisch austauschten: „Es soll nicht wirklich besser werden, wir reisen lieber ab…“. Ein Risiko wollte ich nach über 1.100 schönen Radkilometern nun auch nicht eingehen und meine gute Laune auch nicht durch eine Regentour beeinträchtigen. Also gab ich mein Fahrrad in die Obhut der beiden, die das Rad im Auto wieder mit nach Hamburg nahmen. Mich selbst brachten sie zu meiner Schwester und ihrer Familie, die 20 km entfernt am Forggensee urlaubten.
Dort verbrachten wir den Vormittag dann regenbedingt zunächst drinnen, bevor es dann mittags aufklarte. So sehr, dass wir einen schönen Tag am See verbringen konnten und ich mir den ersten Sonnenbrand nach sehr langer Zeit einholte. Vom Sonnenbrand abgesehen also mal wieder alles richtig gemacht. „…und alles wird gut“ kann ich nach diesem Urlaub nur unterschreiben.
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Und, liebe Pfaffenwinkelrundfahrt, ich komme wieder!
Zuletzt geändert von RSG-Arne am 31.07.2019, 22:54, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Wie ich über 1.000 km zu einer RTF fuhr und dann doch nicht teilnahm

Beitragvon paule paulmann » 31.07.2019, 16:02

Danke für diesen Bericht. Die Probleme, die du nach deinem Ruhetag hattest, kann ich sehr gut nachvollziehen. Als ich in 6 Tagen zur Zugspitze gefahren bin, habe ich als Tipp bekommen möglichst viel und lange auf dem Rad zu bleiben und die Pausen so kurz wie möglich zu halten. Am 4 Tag hatte ich das Gefühl, ich kann nicht .mehr laufen aber sobald ich auf dem Rad saß, ging es mir gut und alle Schmerzen waren weg. Wirklich tolle Geschichte und natürlich Glückwunsch und Respekt zu dieser Leistung.
Gruß Paule

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Re: Wie ich über 1.000 km zu einer RTF fuhr und dann doch nicht teilnahm

Beitragvon kocmonaut » 31.07.2019, 21:05

Ihr mögt längere Reisestories?
Hallo Arne,

aber Hallo! Schöne Tour, schöner Bericht, schöne Bilder. "Son bißchen Schotter ... fahr ich doch mit rechts ... sagt mein Rad" - oder wie hieß Johannas Lied doch gleich!? Das ist einerseits anstrengend, andererseits aufregend und die Suppe im Salz.

Die erwähnten Helga und Günter vom Audax Club SH sind aktive Unterstützer von HBK. Und wer bei der Helmut Niemeier RTF war hat Günter mit seiner Look Mum! Cap an der Anmeldung angetroffen. Wer Fuchs nicht kennt: Hab ihn letztens beim Crossen getroffen:

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